Überraschung zum Writers-in-Prison-Tag

14. November 2001, 18:54
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Charles Ofoedu aus Schubhaft frei

Wien - Die Affäre um die drohende Abschiebung des nigerianischen Schriftstellers Charles Ci-K Ofoedu nahm gestern eine überraschende Wendung. Kurz vor der Pressekonferenz eines Personenkomitees wurde Ofoedu aus der am Sonntag verhängten Schubhaft entlassen. Einen "erfreulichen Teilerfolg, aber sicher nicht das Ende dieser Geschichte" bedeutete die Entwicklung für die dem Personenkomitee angehörende Grüne Terizija Stoisits.

Ofoedu-Anwalt Ewald Scheucher hatte die Entlassung seines Klienten mit der Einbringung eines Asylantrags bewirkt. Die Einbringung des Antrags sei ihm von der Behörde nahe gelegt worden, nachdem diese von ihm auf einen Formalfehler aufmerksam gemacht worden war: Die Fremdenpolizei selbst hatte Ofoedu bereits am 10. Oktober in einem für Scheucher als Bescheid anzusehenden Schriftstück eine Frist bis 1. Dezember eingeräumt, um Österreich freiwillig zu verlassen. Der Fall befindet sich nunmehr wieder auf dem Status dieser Fristsetzung.

Scheucher hofft, dass bis 1. Dezember die Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes über den beantragten Aufschub erfolgt. Damit würde im positiven Fall die Zeit gewonnen, auch komplexere juristische Probleme zu klären, die mit der Causa verbunden seien. Speziell handelt es sich um die Frage, ob eine Abschiebung Ofoedus nach Nigeria aufgrund der dortigen politischen Situation menschenrechtlich vertretbar ist. Deutschland hat Abschiebungen nach Nigeria in letzter Zeit aus Menschenrechtsgründen sistiert.

Im Zentrum der Pressekonferenz stand der aus der Schubhaft direkt ins Café Landtmann gekommene Ofoedu. Er berichtete von seiner Verhaftung, erzählte von der Weiterarbeit an seinem neuen Roman und dankte allen, die sich in den letzten Tagen für seine Freilassung eingesetzt hatten. Dazu zählten auch die weiteren Pressekonferenz-Teilnehmer Wolfgang Greisenegger (P.E.N.-Präsident), Gerhard Ruiss (IG Autoren) und der Schriftstellerkollege Peter Turrini. Dieser unterstrich den persönlichen Mut und die literarische Bedeutung des Mitorganisators der seinerzeitigen Omofuma-Protestdemonstrationen und des Autors des Romans Morgengrauen. Ruiss sprach von einem "klassischen Fall von Schriftstellerverfolgung".

"Gespenstisch" nannte Greisenegger das Zusammentreffen der Affäre Ofoedu mit dem vom P.E.N.-Club gestern begangenen internationalen "Writers in Prison"-Tag. Mit Ofoedu, der gerade in den P.E.N.-Club aufgenommen wird, wechselte ein Teil der Pressekonferenz-Gäste vom Café Landtmann in die Concordia. Dort wurde, mit dem Schwerpunkt Kolumbien, der mehr als 500 verfolgten Autoren gedacht, für die sich der P.E.N. derzeit weltweit engagiert.
(elce/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 11. 2001)

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