Kabul: Araber fürchten um ihr Leben

14. November 2001, 17:40
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Als Osama-Sympathisanten verdächtigt - Jazeera-Korrespondent flüchtete nach Warnung

Kabul/Kairo - Mit dem Einmarsch der Nordallianz in Kabul ist auch der Medienkrieg in Afghanistan in eine neue Phase eingetreten. Die US-Fernsehstationen zeigen vor allem Bilder von jubelnden Jugendlichen und Männern, die sich ihre von den Taliban aufgezwungenen langen Bärte rasieren. Der arabische Sender al-Jazeera aus Katar wiederholt dagegen immer wieder die Bilder von Leichen, die im Straßengraben liegen, und Kämpfern der Nordallianz, die mit größter Brutalität auf unbewaffnete Araber und mutmaßliche Taliban-Sympathisanten losgehen.

"Ich hatte Warnungen erhalten, dass ich schleunigst die Stadt verlassen sollte", erklärte der al-Jazeera-Korrespondent Taysir Aluni, der in den vergangenen Wochen als einziger ausländischer Journalist aus Kabul berichtet hatte, am Mittwoch in einem Telefoninterview aus der afghanischen Provinz Paktia. Auf die Frage, ob er bei seiner Flucht in Lebensgefahr gewesen sei, sagte er, "in sehr großer Gefahr". Er sei durch das, was er in den vergangenen drei Nächten gesehen habe, so traumatisiert, dass er die schrecklichen Ereignisse nicht beschreiben könne, meinte Aluni. Aus seiner Stimme klang Angst.

Jagd auf Araber

Auch Journalisten, die mit den Kämpfern der Nordallianz in die afghanische Hauptstadt eingezogen waren, berichten von einer regelrechten Jagd auf arabische Kollegen. Offenbar steht für die Nordallianz jeder Araber in Kabul im Verdacht, ein Anhänger des saudi-arabischen Terroristenführers Osama Bin Laden und der Taliban zu sein.

Von der Zerstörung des al-Jazeera-Büros in Kabul in der Nacht zum Dienstag hat Aluni nach eigenen Angaben nur von Kollegen erfahren, da er selbst eilig aus der Stadt fliehen musste. Nur Minuten, nachdem er und sein Kamerateam das Büro verlassen hätten, habe ein US-Flugzeug das Gebäude bombardiert, sagte er. Ob es sich dabei um einen gezielten Angriff handelte, der kritische Berichte über mögliche Racheakte der Nordallianz verhindern sollte, oder um ein Versehen, darüber wollte der Journalist nicht spekulieren. "Taysir, wir alle sind froh, deine Stimme zu hören", sagte der al-Jazeera-Moderator aus Katar zu seinem Kollegen, über dessen Schicksal zwei Tage lang nichts bekannt war. Auch in Kandahar war bis zuletzt ein Korrespondent von al-Jazeera tätig. (dpa)
(DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2001)

von Anne-Beatrice Clasmann
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