Gemischtes Doppel an der Croisette

14. November 2001, 00:11
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Die "Klavierspielerin" stößt auf wenig Gegenliebe, aber Jessica Hausners Spielfilmdebüt "Lovely Rita" überzeugt

Österreich-Schwerpunkt bei den Filmfestspielen in Cannes: Während Michael Hanekes mit Spannung erwartete "Klavierspielerin" auf wenig Gegenliebe stieß, gelang Jessica Hausner mit "Lovely Rita" ein überzeugendes Spielfilmdebüt, berichtet Claus Philipp.


Der ohnehin schüttere Applaus war enden wollend, die Ablehnung in Form lauter Buhrufe - sie erfolgte ebenso kurz und beinahe pragmatisch; vor dem Palais du Festival war nach der ersten Pressevorführung immerhin so etwas wie Erregtheit spürbar - aber worüber?

Wie erwartet hat Michael Hanekes Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin an der Croisette unverbindliche oder gleichgültige Publikumsreaktionen nicht zugelassen. Leider bezog sich aber der teilweise aufkommende Kritikerzorn (Euphorie: Mangelware) weniger auf mögliche oder unmögliche Provokationen als auf die etwas kleinbürgerliche Attitüde, mit der der österreichische Regisseur seine Vorlage auf - sagen wir es zugespitzt - josefstädtisches Schauspielerkino heruntergeholt und verlächerlicht hat.

Jelineks Roman, mittlerweile getrost als Klassiker der heimischen Gegenwartsliteratur zu bezeichnen, erzählt nicht nur die Geschichte einer Intellektuellen und Künstlerin - der Konservatoriumsprofessorin Erika Kohut -, die über ihrer Fähigkeit, fremden Kompositionen nachzuspüren, und ihrer Unfähigkeit, dem privatesten Umfeld (ihrer dominanten Mutter) zu widerstehen, den eigenen Harmonien und Dissonanzen nicht gerecht wird. Er erzählt über körperliche und idealistische Sehnsucht, die sich in verquerer "sadomasochistischer" Poetik Bahn bricht.

Das Buch Die Klavierspielerin knüpft darin also gleichzeitig an die großen Opern, Melodramen und Entwicklungsromane der vergangenen zwei Jahrhunderte an und stellt die Frage, wie diese mit zeitgenössischen Mitteln weitergedacht werden könnten. Und wenn man bedenkt, dass Jelineks folgende Werke etwa von Einar Schleef inszeniert oder von Olga Neuwirth vertont wurden, dann nimmt sich Hanekes Adaption erst recht wie ein grotesker Rückschritt, ein grobes Missverständnis aus. Kein Wunder: Das Drehbuch hat er vor mehr als zehn Jahren fertig gestellt.

Was sieht man da auf der Leinwand? Isabelle Huppert, die als Erika Kohut rechtschaffen und bis an den Rand der Selbstentäußerung rettet, was mit exakt naturalistischem Schauspiel an Würde für die Figur zu retten ist, und dabei tatsächlich einige Glanzlichter setzt. Annie Girardot als Karikatur einer pensionierten Nervensäge von Mutter. Benoît Magimel als supercleverer, bald zur Machokarikatur verkommender Klavierschüler und Liebhaber.

Kulissen-Stadt

Man sieht: Wie das Wiener Umfeld der Geschichte im Rahmen einer französisch-österreichischen Koproduktion sehr schnell zur Kulisse verkommt. Und, wieder und wieder: Schauspielerarbeit, wie sie von ORF-Literaturverfilmungen der 70er- und 80er-Jahre sattsam bekannt ist - und die leider in besonders exponierten Momenten das Publikum eher zum Lachen reizt - etwa wenn Erika Kohut in einem Brief an ihren Geliebten Hingabe formuliert und das auf eine für Jelinek typische, drastische und unreine Weise geschieht, die aber der Regisseur so brüchig nicht nachvollziehen kann.

Aber was ist hier zum Lachen - außer Hanekes vermeintliche Souveränität und die sich permanent in Sicherheit wiegende Inszenierung? Man ist geneigt, sich diese Klavierspielerin in einer zwischen Herzblut und Geisteskälte pendelnden Opernregie eines Werner Schroeter, einer Ulrike Ottinger oder gar eines Christoph Schlingensief vorstellen zu wollen. Was für herzzerreißende und zugleich völlig abstrakte Wahnsinnsarien wären da möglich gewesen! Bei Haneke hingegen ist bis zu einem finalen symbolischen Herzstich der Heldin nichts davon spürbar.

Ungleich überzeugender und ergreifender geriet dagegen der zweite heimische Beitrag, der gestern in Cannes präsentiert wurde: Jessica Hausners - mit grandiosen Laiendarstellern besetztes - Langfilmdebüt Lovely Rita.

Raue Bilder

Ihre jugendliche Titelheldin, verstrickt in die üblichen Irritationen des Erwachsenwerdens, porträtiert die Regisseurin und Autorin in rauen Dogma-Videobildern, die höchst bemerkenswerte Farbdramaturgien zulassen. Und sie zeichnet gleichzeitig Momente einer Jugend in katholischer Eigenheim-Verklemmtheit, in der Komödie und Tragödie oft in eins fallen.

Läppische Schultheatervorführungen, erste Körperkontakte mit einem Jungen, ein Faible für den Schulbus-chauffeur, fatale Neugier: Hausner und ihre Hauptdarstellerin Barbara Osika können lange Zeit quasi rein gar nichts falsch machen, bis am Ende ein Schluss wie von Michael Haneke sehr viel zunichte macht: Lovely Rita erschießt ihre Eltern, und man fragt sich, ob ein offeneres Ende hier nicht auch genügt hätte. Dennoch: Am besten ist der österreichische Spielfilm weiterhin dort, wo er sich auf unverbrauchte Gesichter und Lebenswelten einlässt.

Im Vergleich zu Deutschland jedenfalls, das seit Jahren in Cannes Vernachlässigung beklagt, ist Österreich auch heuer wieder extrem sichtbar vertreten. Nur die heimische Kulturpolitik ist es nicht - die Kunstsektion glänzte an der Croisette durch Abwesenheit.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 5. 2001)

  • Artikelbild
    foto: the coproduction office
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