Stille Zeichen des Triumphs in der Hauptstadt Kabul

13. November 2001, 19:29
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Doch keine ungetrübte Freude über Rückzug der Taliban-Milizen: Angst vor Plünderungen und Racheakten

Kabul - Beinahe lautlos hat sich der Epochenwechsel über Nacht in Kabul eingeschlichen. Doch am Dienstag konnten die Bewohner der geschundenen afghanischen Hauptstadt an den Kopfbedeckungen ihrer Obrigkeit ablesen, dass eine neue Zeit angebrochen ist: Die schwarzen Turbane, Erkennungszeichen der radikalislamischen Taliban, sind aus dem Straßenbild verschwunden, Spaßvögel haben einige der stolzen Kopfbedeckungen entflochten und die langen schwarzen Stoffbahnen flatternd vor dem Hauptquartier der Polizei in den Wind gehängt - ein stilles Zeichen des Triumphs.

Wer mit der neuen Zeit gehen will, bedeckt sein Haupt nun mit einem Pakol, einer der wuchtig ausladenden Filzkappen, die ein wenig an zu groß geratene Baskenmützen erinnern und vor allem im Norden Afghanistans getragen werden. Die oppositionelle Nordallianz hat den Pakol bei ihrem Einmarsch mit in die Hauptstadt gebracht.

Neue Freiheiten in Kabul

Der plötzliche Kollaps der Taliban-Herrschaft über Kabul hat den Hauptstädtern neue Freiheiten eröffnet. Die Menschen genießen das lang Entbehrte. Radio Kabul schickte zum ersten Mal seit fünf Jahren Musik über den Äther. Ein Lied des populären Exilsängers Farhad Darja beendete die Zeit, in der die Taliban Musik als gotteslästerlich verboten hatten.

In der ganzen Stadt drehen die Menschen ihre Transistorradios auf und hören erstaunt, wie die Moderatorin Dschamila Mudschahid die Nachrichten verliest - bei den Taliban wäre dies undenkbar gewesen. "Ihr könnt nun diesen großen Sieg feiern", sind die ersten Worte, die die 40 Jahre alte Mudjahid ins Mikrofon spricht. Nach der Sendung schwärmt sie, es sei "wie ein Traum", wieder arbeiten zu können. Wie fast alle Frauen hatte auch sie ihren Job aufgeben müssen, nachdem die Taliban 1996 Kabul eroberten.

Keine ungetrübte Freude

Ungetrübt ist die Freude über das Ende der Taliban- Herrschaft in Kabul nicht. Die Menschen haben Angst vor Plünderungen und willkürli 5. Spalte chen Racheakten. Die Eroberer warfen die Leichen von sechs Taliban-Kämpfern auf einen Platz inmitten der Hauptstadt, als warnende Abschreckung an die Bewohner.

Plünderer schlagen auf ihre Weise Kapital aus der neuen Freiheit. Die UNO beklagt sich über geraubte Hilfsgüter, und die Geldwechsler auf dem Devisenmarkt in Kabul berichten von Millionen geraubter US- Dollar. Wer hinter den Raubzügen steckt, weiß zunächst niemand. Devisen im Gegenwert von knapp 50 Millionen Schilling (3,58 Mill. Euro) seien auf Lastwagen abtransportiert worden. (derstandar,print-ausgabe,14.11.2001)

von Said Muhammad Azam
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    Auf Kabuls Barbiere wartet das große Geschäft

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