"Kontrolle über Städte bedeutet gar nichts"

14. November 2001, 08:38
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Indischer Afghanistan-Experte: Freude über Taliban-Rückzug werde bald durch harte Realitäten gedämpft werden

Die Freude über den Rückzug der Taliban werde bald durch die harten Realitäten in Afghanistan gedämpft werden, meint der indische Afghanistan- Experte Brahma Chellaney. Wichtig sei es nun, die Kontrolle über die ländlichen Regionen zu erlangen.

"Die Kontrolle über die Städte bedeutet gar nichts. Die Sowjets kontrollierten alle Städte in Afghanistan, einschließlich Kabul, Mazar-e Sharif, Kandahar und Herat. Aber was geschah? Die afghanischen Mudjahedin bluteten die Sowjets aus. 40.000 sowjetische Soldaten starben zwischen 1979 und 1989", erinnert Brahma Chellaney, Professor für Sicherheitsstudien und Afghanistan-Experte am Centre for Policy Research in der indischen Kapitale Neu- Delhi, gegenüber dem Standard.

Freude dämpfen

Chellaney betont: "Die derzeitige Freude über den Rückzug der Taliban muss gedämpft werden durch die harte Realität und die Lektionen aus der jüngeren Vergangenheit." Eine der wichtigsten Lehren bestehe darin, wie heimtückisch ein Kampf gegen jene sei, die die Herrschaft über weite ländliche Regionen hätten. So manche Experten, sagt Chellaney, habe es überrascht, dass die Taliban überhaupt so lange versucht hätten, die Städte zu halten. "Nun haben sie offenbar erkannt, dass ihre beste Strategie darin besteht, auf unkonventionelle Art weiterzukämpfen, also mit Guerillataktiken. Sie wollen ihre Verluste gering halten und sich fast intakt zurückziehen. Bis jetzt haben sie ja nicht viel verloren, ich habe Bilder gesehen von Taliban, die sich sogar in ihren Panzern in Richtung Süden bewegten", erklärt Chellaney.

Die internationale Allianz gegen den Terrorismus muss nach Ansicht des indischen Experten daher sehr genau bewerten, inwiefern der rasche Vorstoß der Nordallianz einen Erfolg bedeute. Denn das militärische Ziel, Osama Bin Laden und sein Al-Qa'ida- Netzwerk zu entwurzeln, sei damit nur noch schwieriger geworden.

Skeptisch zu geeinigter Regierung

Zugleich beurteilt Chellaney die Chancen auf eine geeinigte Regierung in Kabul mit äußerster Skepsis. Selbst bei der Nordallianz handle es sich ja um keine Allianz im wahren Sinn des Wortes. Es sei eine Verbindung von Gruppen, deren jede ihre spezifischen ethnischen Interessen vertrete. Dazu gebe es innerhalb der Allianz gemäßigte und radikale Muslime, solche, die eine Kooperation mit den USA befürworten, und jene, die dagegensprechen.

Mit dem Sturz von König Zahir Schah 1973 habe eine Fragementierung von Afghanistan begonnen, die mit der Invasion der Sowjets vorübergehend aufgehalten, nach deren Abzug aber weiter verstärkt worden sei. "Dieser Prozess dauert nun mehr als zehn Jahre an und hat einen Punkt erreicht, wo es schwer, wenn nicht unmöglich sein wird, dieses Land wieder zu einen.

Ethnische Konzentrationen

Die Menschen werden die ethnischen Säuberungen, die passiert sind, nicht so schnell vergessen. Es ist - über die großen Flüchtlingsströme hinaus - zu massiven internen Bevölkerungsverschiebungen gekommen. Die ethnischen Konzentrationen sind heute ausgeprägter als je zuvor."

Angesichts dieser kompakten Siedlungsgebiete der Paschtunen im Süden, der Usbeken im Norden sowie der Tadschiken im Westen und der Hazaras im Zentrum kursieren bereits Vorschläge über eine Aufspaltung Afghanistans in mehrere Staaten oder eine lose Föderation. Bleibt das Land geeint, meint Chellaney, "werden wir ein Regime bekommen, das nominell die Herrschaft innehat, aber keinesfalls von allen Gruppen akzeptiert wird". (derstandard,print-ausgabe,13.11.2001)

Standard-Korrespondentin Brigitte Voykowitsch aus Neu-Delhi
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