"Wie tolerant ist der Islam heute?"

13. November 2001, 22:04
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Dialog zwischen zwei Islam-Experten

Der Koran "enthält eine Absage an jede Art von Rassismus, denn Unterschiede zwischen Menschen sind gottgewollt", beschrieb Omar Al Rawi bei der Montagsdiskussion des STANDARD und Radio Wien Toleranz im Islam. Gleichzeitig warnte der Integrationsbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft vor einem verbalen Konnex zwischen islamischen Fundamentalisten und Terroristen.

Denn auch fundamentalistische Strömungen seien verschiedenartig: "Es gibt den rationalen Fundamentalismus, der nach dem Sinn und dem Zweck sucht und die Quellen neu auslegen will. Und es gibt einen literarischen Fundamentalismus, dem es rein um den Wortlaut geht." Gleichzeitig können solche fundamentalistischen Strömungen nicht mit dem Islamismus ein einen Topf geworfen werden, wie auch Islamismus nicht Terrorismus bedeute.

Bassam Tibi, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Göttingen, wurde noch deutlicher: "Die Kernfrage des Islamismus ist die Einheit von Staat und Religion, doch diese Lehre kommt im Koran nicht vor, sie ist daher für mich nicht gültig. Der Islamismus ist nicht eine ethische Deutung des Islam, sondern eine politische Strömung." Für Tibi sei der Islamismus "eine Spielart des Rechtsradikalismus".

Orthodoxe seien hingegen "keine Rechtsradikalen, sondern sie sind für die Fundamente der Religion", sagte Tibi: "Es gibt eine innerislamische Auseinandersetzung zwischen Liberalen, für die Demokratie mit dem Islam vereinbar ist, und jenen Strömungen, die behaupten, der Islam und die Demokratie seien absolut nicht vereinbar. Sie glauben, dass Demokratie Unglaube ist, ich sage dagegen: Demokratie ist der Geist des Islam."


Eurozentrismus

"Wer glaubt, dass Demokratie Unglaube ist, hat weder die Demokratie noch den Glauben verstanden", antwortete Al Rawi: "Nehmen wir die Islamistenbewegung selbst: Hier hat sich innerhalb demokratisch regierter Staaten sehr viel getan, gerade in Bosnien, Ostasien und der Türkei." Als besonders wichtig strich Al Rawi hervor, "dass wir nicht die eurozentrische Weisung auf andere projizieren und Modernität anderen erst zusprechen, wenn sie so werden wie wir".

Der Islam hat eine integrale Weltsicht, die der Westen zunehmend verloren hat", wobei der Integrationsbeauftragte Al Rawi damit "das Gegenteil von jener Form des Laizismus" meint, "bei der man Religion nicht neutral, sondern eher feindlich gegenübersteht und diese völlig in den Privatbereich zurückdrängt". Eine solche Praxis mache das Leben unmöglich, denn "welcher Mensch kann so schizophren sein, seinen Glauben an der Garderobe abzulegen oder nur samstags oder sonntags religiös zu sein?"

Jeder Mensch, fand Al Rawi, "hat eine ethische Wertvorstellung, die er projiziert, egal ob als Parlamentarier oder als Kaplan. Wenn wir also von der Werteneutralität des Staates reden, dann bedeutet es nicht, dass seine Bürger wertneutral werden." (east)

(DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2001)
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