Von der Gefahr, die Religionen zu politisieren

13. November 2001, 21:55
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"Islam, Christentum, Judentum und die Toleranz" als Thema der STANDARD- Montagsdiskussion

"Der Fundamentalismus ist eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts", sagte Bassam Tibi, Professor für internationale Beziehungen an der Universität Göttingen und Autor mehrerer Bücher über den Islam. Er saß mit vier anderen Experten auf dem Podium und diskutierte vor rund 300 Zuschauern zum Thema "Hat die Aufklärung versagt: Islam, Christentum, Judentum und die Toleranz". Ist das Projekt einer "vernünftigen Gesellschaft" und die Idee der Toleranz dauerhaft beschädigt, weil besonders seit den Terroranschlägen vom 11. September Kräfte im Vormarsch scheinen, die fundamentalistischen Konzepten anhängen? Gehen wir einer Gegenaufklärung entgegen? Tibi fand, ja, und "wenn mit Gegenaufklärung der Fundamentalismus gemeint ist, muss man das Verhältnis von Religion und Politik thematisieren".


Islamische Aufklärung

Zunächst aber sei zwischen Aufklärung im islamischen und im europäisch-christlichen Sinn zu differenzieren. Nach Immanuel Kant ist in der europäischen Aufklärung die menschliche Vernunft die höchste menschliche Instanz, "vor der sich alles zu rechtfertigen hat, was Geltung beansprucht", so Tibi. Die islamische Aufklärung habe schon Jahrhunderte vor Kants Kritik der reinen Vernunft (1781) stattgefunden. Schon seit dem neunten Jahrhundert sei nach dem islamischen Philosophen al-Farabi Vernunft die Basis des Islam, "die christliche und die islamische Aufklärung haben also ähnliche Wurzeln - mit einem Unterschied: Der Islam hat im Zuge der Aufklärung die Religion nicht abgeschrieben", erklärte Tibi.

Heute erfahre die Religion wegen ihrer kulturellen Dimensionen in der Politik eine neue Bedeutung: "Religion ist Glaube und Sinnstiftung, wenn sie jedoch politisiert wird, dann brennt sie", so Tibi zu gegenwärtigen Tendenzen: "Wenn ich auf der Basis meiner Vernunft mit einem Rabbiner rede, dann sind wir Brüder, und wir verstehen alles. Aber wenn wir unsere Religionen politisieren, sind wir Feinde, und daraus entsteht Fundamentalismus."

Ruf nach Dialog

Beate Winkler, Direktorin der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus in Wien, blieb beim europäischen Aufklärungsverständnis: "Die verbalen und physischen Übergriffe gegenüber Minderheiten haben in der EU seit den Terroranschlägen zugenommen. Gleichzeitig ist der Ruf nach interkulturellem Dialog gestiegen." Die Menschen hätten Angst "um ihre mentalen, wirtschaftlichen und kulturellen Sicherheiten", betonte Winkler.

Für Omar Al Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft, war Fundamentalismus keineswegs mit dem Islam gleichzusetzen (siehe auch Artikel unten) - im Gegenteil: Im Islam "ist Toleranz das Um und Auf, denn die Verschiedenheiten der Menschen sind gottgewollt. Der Koran ist eine Absage an Rassismus, und es gibt keinen Zwang im Glauben - und das ist gleichzeitig die Absage an jegliche Gewalt." Der Koran fordere die Gläubigen zum aktiven Nachdenken auf und enthalte auch "das Recht auf Glück im Diesseits". Doch was ist gelebte Toleranz? "Normalerweise bedeutet Toleranz, dass der Stärkere den Schwächeren toleriert, ohne ihn wirklich zu lieben", meinte Österreichs Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg. "Ein Begriff, der mir jedoch besser gefällt, wäre der Begriff der Eintracht, denn dieser bedeutet das Teilen gemeinsamer Ziele. Wenn wir Menschen darauf schauen, dass es Ziele gibt, die uns gemeinsam sind, dann können wir, was diese Ziele betrifft, in Eintracht leben", sagte Eisenberg.

Jeder muss sich selbst zurücknehmen

Der Oberrabbiner hob jedoch hervor, dass dabei jeder "sich selbst und seine Ideologien" zurücknehmen müsse. Die Frage sei "Was macht der Islam gegen den Islamismus?" oder "Was machen die Christen und die Juden gegen ihren Fundamentalismus? Es hilft nicht, wenn ich gegen islamische Fundamentalisten bin oder gegen die christlichen, sondern wesentlich ist, dass wir alle bei uns selbst beginnen", stellte Eisenberg klar.

Und was können Katholiken tun, um der Aufklärung mehr Gewicht zu geben? Hubert Feichtlbauer, Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche", plädierte für "mehr Demut, mehr Bescheidenheit". Die Aufklärung, die Hinterfragung religiöser Dogmen und die Einbeziehung der Vernunft in die Religion haben dem Christentum gut getan. "Die Erfahrung in Europa geht eindeutig in Richtung Trennung von Religion und Politik", hob Feichtlbauer hervor: "Wenn ich Staat und Religion, Kaisertum und Kirche innig miteinander verquicke, also die Kirche an die Schaltstellen der politischen Macht bringe, dann ist die Versuchung, die eigene, für unabänderlich und einzigartig gehaltene Wahrheit auch mit Gewalt durchzusetzen, unbesiegbar. Die Versuchung, sich mit den anderen zu arrangieren, indem man ihnen aufzwingt, was man für richtig hält, wird übermächtig." Er hält sich an den Theologen Hans Kueng, der dafür plädierte "die Glaubenslehre von der Sittenlehre" zu trennen, nach dem Motto "Dogmen trennen, Ethos verbindet."

(DER STANDARD, Printausgabe, 14.11.2001)
"Hat die Aufklärung versagt? Islam, Christentum, Judentum und die Toleranz" war das Thema der Montagsdiskussion des Standard und Radio Wien. Der Grundtenor: Aus Religionen dürfen keine politischen Ideologien gemacht werden, es müsse ihnen jedoch politische Kritik erlaubt bleiben. Besondere Aufmerksamkeit sollte dem eigenen Fundamentalismus gewidmet sein.

von Eva Stanzl
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