Häuser oder heiße Luft

13. November 2001, 20:08
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Posthumer österreichischer Exportschlager: "R. M. Schindler. Architektur und Experiment" im MAK

Der Wiener Rudolf Michael Schindler war eine der wesentlichen Architekturgrößen der kalifornischen Moderne. Die erste umfassende Schau seiner Arbeiten ist ab Mittwoch im Wiener Museum für angewandte Kunst zu sehen.


Wien - Rudolf M. Schindler musste ein Vierteljahrhundert tot sein, bevor er bekannt und anerkannt wurde: Bis in die 80er-Jahre beschäftigte sich bis auf ein paar Insider kaum jemand mit Werk und Lebensgeschichte des 1953 in Los Angeles verstorbenen Wieners, obwohl er viele der hübschesten und interessantesten Villen Kaliforniens gebaut und nachweislich dauerhaften Einfluss auf viele zeitgenössische und nachfolgende Architektenkollegen gehabt hat.

Mittlerweile ist Schindler international zu einem Begriff und zu einer Art Markenzeichen geworden. Seine Arbeiten sind umfassend dokumentiert und in einigen Büchern zusammengefasst. Der Mann mit dem Schnurrbart und den für seine Zeit gewagt-kühnen Entwürfen ist fast so etwas wie ein posthumer österreichischer Amerika-Exportschlager geworden.

MAK-Chef Peter Noever war einer der Ersten, die sich intensiver mit dem in jeder Hinsicht - sei es Materialwahl, sei es der Umgang mit Raum - erfrischend innovativen Architekten und seinem Werk auseinander gesetzt haben. Er organisierte 1986 auch eine der allerersten Schindler-Ausstellungen überhaupt, zu sehen im MAK, und nun ist dort die bisher sorgfältigste und reichhaltigste Schindler-Ausstellung zu Gast, die es bisher gab.

Organisiert wurde die Schau "R. M. Schindler. Architektur und Experiment" vom Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles, zu sehen gibt es Modelle seiner wichtigsten Arbeiten, Möbelentwürfe, Archivaufnahmen sowie zeitgenössische Fotografien, diverse originalgetreue Nachbildungen von Details und - bei Architekten des vorcomputerischen Zeitalters fast immer aufregend und interessant - rund 150 Originalzeichnungen.

Schindler hatte Wien 1914 im Alter von 27 Jahren und nach einer Ausbildung unter anderem bei Otto Wagner in Richtung Amerika verlassen, und er lernte schon früh von US-Kollegen wie Frank Lloyd Wright, wie man seine Entwürfe fesch präsentiert. Seine fein konstruierten, bunten Schaubilder sind ausgesprochen schön anzuschauen und zeigen darüber hinaus zwei wesentliche Merkmale Schindlerscher Architektur: Sein kaum übertroffenes Geschick in der Komposition von harmonisch zusammenklingenden Innen- und Außenräumen sowie die sorgfältige Überlegung, welche Architektur auf welche Topographie gesetzt werden soll.

Schindlers Häuser stehen nie zufällig irgendwo, sie passen stets perfekt in ihre Umgebung hinein. Im Laufe seiner 30-jährigen Laufbahn baute er vor allem Einfamilienhäuser, aber auch einige Wohnhäuser, Lokale, Geschäfte. Sie alle gelten heute als klassische kalifornische Architektur, jenseits der gewissen Formkälte, die die Villen der Moderne auszustrahlen pflegten. Schindler: "Der Punkt ist, ob einem mehr daran liegt, dass ein Haus auch wirklich ein Haus ist oder dass es aus Stahl, Glas, Kitt oder heißer Luft besteht."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14. 11. 2001)

 Von
  Ute Woltron


"R. M. Schindler. Architektur und Experiment"
MAK,
1010 Wien,
Stubenring 5
Bis 10. 2. 2002

WEB-TIPP:

MAK.at/jetzt



Am Mittwoch (18.30 Uhr) gibt es im MAK-Vortragssaal einen Architekturvortrag in englischer Sprache zum Thema "R. M. Schindler: Space Artist" mit Judith Sheine.
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