Warten oder Werten

27. Februar 2002, 15:53
1 Posting

Restaurantführer kommen für gewöhnlich nur einmal im Jahr heraus. Was mit sich bringt, dass eine Aktualität nur in gewissem Rahmen gewährleistet sein kann, ...

... also bedeutet, dass ein Beisl längst geschlossen ist, wenn das Buch erscheint, ein hoch gelobter Koch dort schon längst nicht mehr arbeitet, oder ein anderer hoch gelobter Koch dort längst angefangen hat. Schon klar, gerade in der Gastronomie, und da speziell in der zur Zeit fast schon hysterisch pulsierenden Szene Wiens, ist ein Jahr eine lange Zeit.

Jetzt versuchen die Herausgeber der Führer klarerweise, das Jahr ein wenig zu verkürzen und ihre Führer in Zeitreisemaschinen zu verwandeln, sprich in die Zukunft zu schauen. Im soeben erschienenen Guide Gault Millau liest man etwa schon vom neuen Restaurant im Hotel Intercontinental, das zur selben Zeit eröffnete, als der Führer erschien. Auf eine Wertung wurde allerdings verzichtet, die Beschreibung hielt sich im vagen Bereich, und dass es sich um eine Einschätzung auf Grund der bereits zur Verfügung stehenden Informationen handelt, wurde nicht wirklich verheimlicht.

Zu übersinnlicheren Methoden greift da der preiswerte „Tafelspitz“-Führer, der es schaffte, in seiner ebenfalls jüngst erschienenen Ausgabe schon die neue Wein & Co-Bar vor ihrer Eröffnung zu bewerten, und zwar auch in den Kategorien Service und Essen. Das ist dann schon erstaunlich, noch dazu, wo es sich bei dem Medium, das diese Wertung verfasste, offenbar um eine nicht nur punktuell auftretende Fähigkeit handelt. Denn auch vor zwei Jahren wurde in diesem Führer schon weisgesagt, wie gut es im Restaurant des „Meinl am Graben“ schmecken wird, obwohl zu diesem Zeitpunkt erst Wurstsemmeln und Coladosen verzehrt wurden – von den Haustechnikern und Handwerkern nämlich.

Vielleicht ist die Bewertung des Nobel-Japaners „Unkai“, den man ident wie die Fastfood-Sushikette „Akakiko“ einstufte, ebenfalls ein Blick in die Zukunft, oder vielleicht weiß man schon jetzt, dass sich der Gourmet-Tempel „Landhaus Wagner-Bacher“ im nächsten Jahr zum nur zehntbesten Landgasthaus verwandeln wird. Und wir anderen haben von den zugrunde liegenden Schicksalsschlägen einfach noch keine Ahnung. Dann würde ich aber meinen, dass der Führer besser „Gerüchteküche“ heißen sollte.

Von
Florian Holzer
Share if you care.