Wenn sich Journalismus, Wissenschaft und Feminismus im Wege stehen

19. November 2001, 12:21
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Neue Netze und spannende Dialoge unter Medienfrauen am Salzburger Journalistik-Tag

Zwei Wünsche gab es zum Abschluß des 4. Salzburger Journalistik-Tages, einem spannenden Dialog zwischen Medienfrauen der Praxis und der Theorie.

Männliche Selbstrepräsentation entlarven

Elisabeth Klaus von der Uni Göttingen präsentierte die Entwicklungsgeschichte deutscher Journalistinnen, inklusive geschlechterspezifische Implikationen, und machte den Österreicherinnen damit lange Zähne. Ihr Tipp an die Medienfrauen: „Die Selbstrepräsentation der Männer zu entlarven und sich selber besser in Szene zu setzen.“

Sich vernetzen, statt sich zu verhindern

Astrid Zimmermann vom STANDARD erinnerte an die Tatsache, dass es hierzulande zwar über ein Drittel Journalistinnen gibt, davon aber nur fünf Prozent in Führungspositionen. Untersuchungen vor vier Jahren haben gezeigt, dass es überdurchschnittlich oft Frauen sind, die ihren Geschlechtsgenossinen auf der Leiter nach oben im Wege stehen. Über Netzwerke könnten Frauen Zusammenhalt lernen.

Neues Netzwerk in Linz

Chefredakteurin Christine Haiden von „Welt der Frau“ kann Neues berichten: In Linz wurde soeben ein Medienfrauen Netzwerk als Projekt genehmigt, vom männerdominierten Presseclub. In Wien gibt es ein rühriges Medienfrauen-Netzwerk schon seit zwei Jahren, das neben Treffen auch eine Jobbörse, ein Mentorinnenprogramm und eine Expertinnen-Datenbank auf die Beine stellt.

Geschlechtergerechte Sprache als Qualitätsmerkmal

Sabine Weinberger (Uni Salzburg) plädierte für eine geschlechtergerechte Sprache in den Medien, egal ob mit Hilfe des BinnenIs (ÖsterreicherInnen), Doppelbezeichnungen (Österreicherin und Österreicher), richtig verwendeten Pluralbildungen (die Betroffenen) oder Abstraktionen (die Regie statt der Regisseur). Für falsche oder irreführende Formulierungen wie „die Patienten einer Abtreibungsklinik“ oder „80 Prozent der Landwirte haben Probleme mit ihren Partnern“ sollte es keinen Platz mehr geben. Weinberger: „Eine geschlechtergerechte Sprache könnte ein Qualitätsmerkmal sein“.

Auszeit statt Action

Larissa Krainer (Uni Klagenfurt) nennt drei Orte, wo sich feministische Reflexion abspielen könnte: die Wissenschaft, der Journalismus und der Feminismus. Das Problem dabei: sie stehen sich dabei selber im Wege. Die Wissenschaft, die zu spezifisch und zu wenig interdisziplinär arbeitet. Der Journalismus, wo der ökonomische und zeitlich Druck ständig steigt und die letzten kritischen Institutionen (z.B. LektorInnen) verloren gehen. Die Feministinnen zeigen Ermüdungserscheinungen und sind verstärkt damit beschäftigt, sich die nötigen Ressourcen (Geld, Subventionen) zu verschaffen. Krainer schlägt eine verbessere Verknüpfung zwischen Journalistinnen und Feministinnen vor, spricht sich gegen kräfteverschleissenden Aktionismus und für eine Nachdenkpause aus.

Kaum Geld für feministische Medien

Brigitte Geiger (Uni Wien) konstatiert seit dem Regierungswechsel eine dramatische Verschlechterung nicht kommerzieller Frauenmedien, die bis ins Existenzbedrohliche gehen kann. Gerade diese nichtkommerziellen Frauenmedien sind aber zentrale MeinungsträgerInnen. Für einige eröffnet sich Online ein Notausgang: so etwa für „sic!“, das Forum für feministische Gangarten, das nur mehr online existiert.

Privat ist nicht privat

Federike Hermann (Uni Tübingen) kann eindrucksvoll nachweisen: die daily talks im Fernsehen, die scheinbar Privates offenlegen, sind kein geeignetes Instrument, um die alte femministische Forderungen zu erfüllen, privates politisch zu machen. Frauen, die hier angehalten sind, in drei Sätzen ihr Leben/Leiden zu erzählen, würden ganz im Gegenteil männlich-patriarchalen Fomen unterworfen. Um authentische Privatheit zu zeigen, bräuchte es viel mehr Zeit und viel längere Sequenzen.

Qualität der TV-Soaps verbessern

Ingrid Paus-Haase (Uni Salzburg) konnte anhand eigener und fremder Untersuchungen (etwa über Taxi Orange) zeigen: schon bei Kindern und Jugendlichen gibt es höchst unterschiedliche Art und Weisen, wie Mädchen und Buben Medienprodukte auswählen. So lieben Mädchen eher die beziehungsorientierte Soaps oder Sendungen mit Realitätsbezug (Talk Shows), während sich die Jungs auf einfach gestricktere Zeichentrick-, Action-, Sience-Fiction-Filme stürzen. Doch selbst wenn sich beide dasselbe ansehen, etwa eine Talk-Show, nehmen sie diese unterschiedlich auf: Mädchen „springen hinein“, setzen sich mit Gästen oder Moderatorinnen in Bezug, weisen Gesagtes von sich oder nehmen es auf. Die Buben bleiben eher auf Distanz, machen sich über die Gäste lustig und haben eher einen voyeuristischen Zugang. Doch auch das Alter und die Bildungsstufe spielen eine Rolle, nicht nur das Geschlecht.

Was folgt für die Praxis daraus? Elisabeth Kraus: Die Qualität der Soaps zu verbessern und dafür sorgen, dass auch mehr Buben sich zutrauen sie an zu sehen.

Vermittelnder Feminismus

Das Resumee zum Tag nahm Christine Haiden vorweg: Intellektuelle Inhalte müssten auch für einfache Frauen verständlich gemacht werden. Haiden nennt das einen „vermittelnden Feminismus“, den „Welt der Frau“ zu praktizieren versucht.

Von Lydia Ninz
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