Thaci: "Wir dulden keinen Fundamentalismus"

13. November 2001, 11:53
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Kosovo: Geheimdienste beobachten die Szene: "Auch andere Leute am Werk"

Pristina - So zerrissen die albanische Szene im Kosovo auch sein mag, in einem Punkt ist sie sich einig: "Moslemischer Extremismus hat im Kosovo keinen Platz". Das sagt Hashim Thaci, Chef der UCK-Nachfolgepartei PDK, genauso wie Igballe Rogova von der Frauenorganisation "Motrat Qiriazi". Dabei kann sie Thaci sonst kaum etwas Positives abgewinnen.

Die Anschuldigung, dass der Moslem-Extremist und mutmaßliche Terror-Drahtzieher Osama bin Laden sogar bis zu 15.000 Anhänger im Kosovo haben soll, stößt in Pristina und Umgebung geradezu auf Empörung. "Wir dulden keinen Fundamentalismus und werden keine Kompromisse machen, wenn ein Terrorist hier auftaucht," betont Thaci und trifft damit genau den Meinungs-Mainstream.

Abseits davon liegen die Dinge freilich nicht immer so klar. "Die Bevölkerung an sich ist nicht fundamentalistisch ausgerichtet", meint Agron Bajrami, stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung Koha Ditore, "aber nach dem Krieg hat es im Kosovo keine Grenzen gegeben. Wer weiß schon, wer da alles eingedrungen ist."

Dass radikale Islamisten auf Seiten der UCK gekämpft haben sollen, will der Journalist weder ausschließen noch überbewerten. "Es wird davon erzählt, es gibt aber überhaupt keine Beweise dafür. Vielleicht hat es solche Leute gegeben. Aber da waren auch Franzosen, die in der UCK gekämpft haben, oder Deutsche. Im Gegensatz zu Bosnien hat es keine Einheiten in dieser Richtung gegeben."

Etwas konkreter sind die Angaben von Vertretern internationaler Behörden. "Grundsätzlich hat die Bevölkerung hier eine freundliche Einstellung gegenüber den USA, das haben sie auch nach den Anschlägen in Washington und New York mit einem Trauermarsch bekundet," berichtet der österreichische UNMIK-Gendarm Burkhard Kreutz, "aber wir wissen aus Intelligence-Kreisen, dass auch andere Personen im Kosovo am Werk sind."

Der Einfluss aus dem arabischen Raum ist dabei offensichtlich. Spionageaktivitäten saudiarabischer NGOs sind ein offenes Geheimnis. Auch eine afghanische NGO ist seit kurzer Zeit in Pristina aktiv. Zwar ist der Personalstand gering, das aufgebaute Computernetzwerk könnte umfassender nicht sein. Doch scheint niemand erklären zu können, wozu der immense Aufwand eigentlich dienen soll. Vermutungen und sagenumwobenen Andeutungen bleiben da selbstverständlich nicht aus.

Für den US-Geheimdienst steht aber ohnehin fest, dass Osama bin Laden eine nicht zu kleine Anzahl von Leuten in Albanien stationiert hat. Kreutz: "Nachdem die grüne Grenze zu Albanien schon wegen der geographischen Möglichkeiten überhaupt nicht bewachbar ist, besteht natürlich auch das Risiko, dass irgendwelche Leute aus Albanien in den Kosovo einsickern, um etwas vorzubereiten. Diese Gefahr besteht eigentlich immer."

Rätsel geben Kreutz aber nicht nur mögliche fundamentalistische Umtriebe auf. Auch mancher Gewalttat im Kosovo ist mit mitteleuropäischem Kriminalspürsinn nicht zu begegnen. "Viele Verbrechen passieren im privaten Bereich." Seitdem die Albaner im Kosovo wieder das Sagen haben, kommt auch der Kanun öfter zur Anwendung. Das albanische Gewohnheitsrecht bildet die Basis zur Blutrache. "Das Ding stammt zwar aus dem Mittelalter, ist aber aufrecht", schildert der Gendarm seine Alltagserfahrungen, "wenn ich manchmal Ermittlungsergebnisse lese, bin ich mir sicher, dass weder Täter noch Opfer Bescheid wissen, warum diese Tat geschehen ist.

Auch die Existenz von geheimen Lagern, in denen die Kosovo-Albaner serbische Mitbürger gefangen halten sollen, ist ein Stereotyp auf der Gerüchtebörse. Die Internationale Gemeinschaft tritt derartigen Geschichten mit Vehemenz entgegen. "Wir sind der Meinung, dass das unmöglich ist", meint Peter Erben von der OSZE, "ich wüßte nicht, wo diese Leute versteckt sein sollten." Was nun an diversen Vermutungen und Geschichten wirklich dran ist, weiß keiner so recht. Also gibt man sich mysteriös und kolportiert hinter vorgehaltener Hand den Ausspruch eines ranghohen UNMIK-Diplomaten: "Hier sind so viele Geheimdienste mit Spionage beschäftigt, da muss der Westen wissen, was im Kosovo wirklich los ist." (APA)

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