Kosovo- Status birgt weiterhin Konfliktpotential

13. November 2001, 10:36
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Internationale Gemeinschaft setzt offenbar auf Zeitfaktor

Pristina/Wien - Mit Wahlversprechen ist das immer so eine Sache. Im Falle des Kosovo kann das Hauptmotiv aller albanischen Parteien aber sicher nicht sofort nach den Parlamentswahlen vom 17. November in die Tat umgesetzt werden. Einer Unabhängigkeit steht die UNO-Resolution 1244 im Wege. Demnach ist das Kosovo weiter ein Teil Jugoslawiens. Das vergangene Woche unterzeichnete Abkommen zwischen der UNO-Verwaltung im Kosovo (UNMIK) und Belgrad, das die Lage der Serben in der Krisenprovinz verbessern soll, hat dies neuerlich bekräftigt.

Die Situation birgt erhebliches Konfliktpotenzial: Zwar üben sich die Kosovo-Albaner noch in demonstrativer Geduld, eine Rückkehr unter die Herrschaft Belgrads ist für sie aber ausgeschlossen. "Wenn die Internationale Gemeinschaft daran festhält, dass eine Souveränität nicht vorgesehen ist, kann es schon so weit kommen, dass sie von den Albanern als Besatzungsmacht empfunden werden. Da sind auch Anschläge nicht ausgeschlossen", vermutet Henriette Riegler, Südosteuropa-Expertin am OIIP (Österreichischen Institut für Internationale Politik).

Keinen Konflikt suchen

Im Kosovo selbst will man sich auf derartige Spekulationen noch nicht einlassen. Hashim Thaci, ehemaliger UCK-Führer und nunmehriger Chef der PDK (Demokratische Partei Kosovas) bringt die Stimmung auf den Punkt: "Wir werden uns ganz sicher keinerlei Konflikt mit der Staatengemeinschaft erlauben. Es ist aber wichtig, dass sie nicht grundsätzlich gegen eine Unabhängigkeit ist. Die Möglichkeit würde der Region endlich Stabilität bringen. Das Wichtigste momentan ist, dass wir freie Wahlen haben. Dann können wir die Diskussion über diese Angelegenheiten eröffnen."

Agron Bajrami von der Tageszeitung Koha Ditore schätzt die Lage ähnlich ein: "Die Albaner sehen das als Prozess. Es ist besser, darauf zu warten, als sich die Unabhängigkeit einfach zu schnappen. Alle sind zurückhaltend, weil eine Radikalisierung befürchtet wird. Zum Beispiel von jenen Serben, die in Mitrovica die Brücke bewachen." Am Balkan, brauche es gerade "100 verrückte Männer, um einen Krieg zu beginnen". Die Albaner werden den Konflikt nicht suchen, so Bajrami, "aber es ist eine Realität, dass dieses Land nie wieder unter serbischer Herrschaft sein wird."

Praxis ist ausschlaggebend

Die UNO-Resolution 1244 sei zweifellos existent, räumt Bajrami ein, "ausschlaggebend ist aber die Praxis. Gewisse Abkommen waren nur dazu da, Löcher zu stopfen. Sie stellen einen Kompromiss mit dem Weltsicherheitsrat dar. Das kann sich aber auf Grund der Gegebenheiten ändern. Das ist eine Lehre aus dem Balkan. Die andere ist: Willst Du etwas erreichen, musst Du Gewalt anwenden, sonst hört Dir keiner zu. Nun müssten die Serben Gewalt anwenden, um das Kosovo zurückzubekommen. Ich glaube nicht, dass sie sich darauf einlassen. Wenn wir zehn Jahre warten müssen, um unabhängig zu werden, dann warten wir eben."

Dass der Faktor Zeit im Kosovo eine bedeutende Rolle spielen wird, räumt auch der Chef der OSZE-Mission im Kosovo, Daan Everts, implizit ein. "Die Tatsache, dass jetzt ein Parlament gewählt wird, bedeutet keinen Anspruch auf Unabhängigkeit", meint Everts, "diese Frage steht für längere Zeit nicht auf der Tagesordnung. Das wird vielleicht einmal aktuell, wenn die Internationale Gemeinschaft die Zeit dafür gekommen sieht."

Auch Vorwürfen, die Internationale Gemeinschaft laufe mit ihrer Politik Gefahr, in eine Sackgasse zu geraten, wird von OSZE und UNO-Mission im Kosovo mit der Forderung nach Geduld begegnet. Everts: "Solange die Gesellschaft nicht beweist, dass sie fähig ist, sich selbst zu verwalten, gibt es keine Chance, irgendeinen Status anzustreben." Die Frage ist, wie lange sich mit der Taktik des Zeitgewinnens noch Politik machen lässt. (APA)

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