Kurzporträts der wichtigsten albanischen Kandidaten

13. November 2001, 10:52
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Rugova gegen Thaci, Haradinaj in Lauerstellung

Pristina - Bei den Parlamentswahlen im Kosovo spielen drei Personen tragende Rollen. In Folge Kurzporträts der Spitzenkandidaten der wichtigsten albanischen Parteien:

IBRAHIM RUGOVA (LDK): Ibrahim Rugova gilt als Symbol des gewaltlosen Widerstands im Kosovo. Der Literaturwissenschafter mit dem signifikanten Seidenschal war von der albanischen Bevölkerungsmehrheit der südserbischen Provinz zwei Mal - in von den serbischen Behörden für illegal erklärten Abstimmungen - zum Kosovo-Präsidenten gewählt worden. Seine Politik ging in Folge immer mehr in der Eskalation von Gewalt und Terror unter.

Rätselraten löste im April 1999 kurz nach Beginn des NATO-Luftkrieges ein Treffen mit Milosevic aus. Danach galt Rugova als "politisch tot". Bei den Kommunalwahlen im Vorjahr setzte sich seine LDK aber überraschend klar gegen die UCK-Nachfolgepartei PDK von Hashim Thaci durch. Angesichts gewalttätiger Strukturen, die sich im Machtvakuum nach dem Abzug der serbischen Armee breit machten, war vielen Albanern eine Stimme für Thaci offenbar zu riskant.

Rugova durfte noch in Titos Vielvölkerstaat in Pristina Albanologie studieren. 1944 geboren, ergriff er die Chancen, die das kommunistische Jugoslawien auch der albanischen Bevölkerung bot. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee der "Parallelgesellschaft" von Serben und Albanern. Bei seinen Landsleuten geriet der Literaturwissenschafter wegen seiner Mäßigung und Kompromissbereitschaft zunehmend in Isolation. Mit der Aufnahme des bewaffneten Kampfs der UCK im April 1996 schwand sein Einfluss weiter. Seine Anhänger nannten ihn weiterhin den "Gandhi von Pristina", für die UCK war er schlicht ein "Verräter".

HASHIM THACI (PDK): Nach dem Einzug der KFOR galt Hashim Thaci als "der" kommende Mann in der kosovarischen Politszene. Die undurchsichtigen Machtstrukturen mit mafiösem Touch nach dem Einzug von KFOR und UNMIK im ließen bei den Kommunalwahlen im Vorjahr aber das Pendel wieder zu Gunsten von Rugova ausschlagen. Thaci gilt als autoritär. Ein Image, das er bestreitet: "Die PDK ist eine junge Partei. In unserer kurzen Existenz haben wir bereits zwei Workshops abgehalten. Diese innere Demokratie zeigt, welchen Respekt die Partei vor den Bürgern hat".

Der 32-Jährige ist bedeutend jünger als Rugova. Seine Sicht der Dinge wurde vom Jugoslawien des Slobodan Milosevic geprägt, dessen Regime ihm und seinen Altersgenossen als Jugendliche keine Perspektiven verhieß. Auf der Flucht vor der Unterdrückung ging Thaci in die Schweiz. Er ist Galionsfigur einer Generation, die ihr Selbstbewußtsein damit erlangte, dass sie ihre Familien in der Heimat aus dem Arbeitsexil erhielt.

Dass der Ex-UCK-Chef der smarte Demokrat im Designeranzug ist, als der er sich präsentiert, bezweifeln seine Kritiker. Ihm eilt der Ruf eines skrupellosen Despoten voraus. Bei Machtkämpfen innerhalb der UCK soll es auch zu Morden gekommen sein. Aus Belgrad wurden zuletzt Stimmen laut, die Thaci wegen Kriegsverbrechen an Kosovo-Serben vor dem UNO-Tribunal in Den Haag sehen wollen. Gegenüber der APA gab sich der PDK-Chef gelassen: "Es wird ein Wunsch Belgrads bleiben, mich in Den Haag zu sehen."

RAMUSH HARADINAJ (AAK): Der 33-Jährige hat seine Wurzeln ebenfalls in der UCK. Er gilt als "self-made man" ohne Skrupel, wenn es um das Wegräumen von Hindernissen ging. Anders als seine Konkurrenten Thaci und Rugova hat Haradinaj nie studiert. Seine Gegner im Wahlkampf bezeichnen ihn daher gerne verächtlich als "der Bauer". Zwischen 1989 und 1998 lebte er zeitweise in der Schweiz.

Der Bruch mit Thaci kam, als sich dieser als politischer Alleinerbe der UCK gebärdete. So verließ Haradinaj das Kosovo-Schutzkorps (TMK) und gründete im Sommer 2000 die Allianz für die Zukunft Kosovos (AAK). Da Haradinaj in seiner Wahlkampagne einen äußerst realistischen Kurs bezüglich einer künftigen Perspektive von Unabhängigkeit fährt, wird er mittlerweile auch von der Internationalen Gemeinschaft geschätzt.

Dass er bei den Kommunalwahlen aber nur enttäuschende 7,7 Prozent erreichte, lag auch an den Eskapaden, die sich Haradinaj trotz seiner nach außen gelebten Vernunft leistete. So wurde er von russischen KFOR-Soldaten verhaftet, weil er ein Schweizer Sturmgewehr mit sich trug. In Folge gerieten russische Soldaten des öfteren unter Beschuss von Unbekannten. Kurz darauf wurde Haradinaj schwer verletzt, als es im Hof einer befehdeten Familie zu einem nächtlichen Feuergefecht kam. Die NZZ resümierte neulich: "Haradinaj ist eine schillernde Person: weltoffen und geheimnisumwittert, mit moderner Effizienz und überkommenen Ehrbegriffen - ein Spiegelbild der Übergangssituation Kosovos." (APA)

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