Lehrer als Friedenserzieher

12. November 2001, 21:15
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Auf einem internationalen Kongress in Klagenfurt sprachen Friedensforscher und Pädagogen vor allem über den 11. September

Die Ereignisse des 11. September in den USA bestätigten den Veranstaltern des ersten internationalen Kongresses für "Friedenserziehung in Europa" unerwartet die Richtigkeit ihrer Intentionen.

Er fand vergangenes Wochenende an der Universität Klagenfurt statt, wobei rund 40 Pädagogen, Friedensforscher und Friedensaktivisten aus zwölf europäischen Staaten, den USA und Israel ihre Erfahrungen und Vorschläge zur Friedenserziehung präsentierten. Ziel war die Entwicklung eines Curriculums für Friedenserziehung für Lehrkräfte in ganz Europa.

Das Eröffnungsreferat "Peace and Peace Education after September 11th" hielt die Friedensaktivistin Betty Rear-don von der New Yorker Columbia University. Sie schil-derte ihre persönlichen Eindrücke: immer wieder TV-Headlines "America under Attack", Erwachen an vielen Morgenden mit der Frage: Ist das Realität oder nicht? Nicht nur die Türme waren zerstört: "Wir wussten, nichts wird gleich sein wie zuvor." Erinnerung an John F. Kennedys Satz: Mankind must put an end to war or war will put an end to mankind. Dann kollektive Eindrücke: Zuerst war der Schock, dann der Ärger, daraufhin die Angst davor, was noch kommen würde.

Viele Menschen sagten: "Response must be", und meinten damit Vergeltung. Auf die Frage des STANDARD, wie man Reardons Meinung nach auf den 11. September hätte reagieren sollen, sprach sie sich für einen legalen Weg mit Anrufung des internationalen Gerichtshofs aus sowie für eine neue Art des Dialogs mit den Taliban und den Afghanen. Und man hätte eine gründliche und vollständige Untersuchung der Ereignisse vielleicht unter Aufsicht der Vereinten Nationen durchführen sollen.

"Die Ereignisse der letzten Wochen und ihre Folgen zeigen, dass es keine Alternative an der Arbeit am Frieden gibt", sagte Kongressorganisator Werner Wintersteiner. Die Jugend bräuchte eine völlig andere Erziehung, um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen.

Wintersteiner kritisierte, dass unser Schulsystem "diplomierte Konfliktanalphabeten" hervorbringe, und forderte als Gegenmittel, dass das Schulfach "Politische Bildung" mit friedenspädagogischer Ausrichtung ausgestattet werden soll.

Gavriel Salomon, Friedensforscher der Uni Haifa, Israel, zweifelte an der Wirksamkeit der Friedenserziehung, wenn man sie nur LehrerInnen anvertrauen würde, und forderte auch die Einbeziehung von Medien und Politik. Auch sollte man seiner Ansicht nach für die Staaten Europas verschiedene Friedenserziehungsprogramme entwickeln, je nachdem, ob es dort Konflikte oder Frieden gibt.

Erziehungswissenschafter Peter Gstettner, der für das Ludwig-Boltzmann-Institut in Villach und die Uni Klagenfurt, beide Veranstalter des Kongresses, tätig ist, bedauerte, dass Frieden nicht das vorherrschende Thema sei, obwohl die Ordnung der Weltgesellschaft aus den Fugen geraten sei. "Die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit gehört fast ausschließlich den vielfältigen Formen von Aggressionen in der Welt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 11. 2001)

Von Josef Schneeweiß
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