Billiger wohnt man auf den Bäumen

12. November 2001, 21:39
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Drei Plädoyers für die Geisteswissenschaften

Wien - Spätestens seit sich forschungspolitische Diskussionen fast nur um Rentabilität und den Nutzen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt drehen, sind die Geistes- und Sozialwissenschaften unter Druck. Selbst wenn ihnen nicht ausdrücklich der Rotstift droht, scheint es doch klar, dass Forschungsmilliarden meist Technologiemilliarden sind.

Von regen Diskussionen in den Geisteswissenschaften, "wozu es uns eigentlich gibt", berichtet der Zeithistoriker Gerhard Jagschitz. Diskussionen, denen er im Interesse bereitwilligerer Kommunikation mit der Öffentlichkeit einiges abgewinnt. Den Nutzen der Geisteswissenschaften sucht Jagschitz freilich nicht in der Schaffung von Arbeitsplätzen: "Beruflich kommen unsere Absolventen in verschiedenen Bereichen unter. Aber worum es geht, ist das Denken." Kürzlich habe ihm eine Seniorstudentin gesagt: "Ich komme drauf, dass ich ein ganzes Leben versäumt habe und erst jetzt zu denken beginne."

Wirtschaftlich nützlich

Der Altphilologe Franz Römer, Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, legt Wert darauf, dass sehr wohl auch die Fächer in seiner Verantwortung wirtschaftlich relevant sein können: etwa Sprachwissenschaften wie Sinologie, die schon viele Kontakte zu China angebahnt habe. Je mehr aber ein Fach rein kulturell oder binnenwissenschaftlich Bedeutung habe, "desto schwerer ist es der Bevölkerung - und oft sogar Ministern - zu vermitteln".

Konrad Paul Liessmann, Philosophieprofessor in Wien, tut sich damit leichter: "Seit der Mensch aus dem Tierreich herausgetreten ist, produziert er Kultur. Natürlich ist jede Kultur 'nutzlos' - ökonomisch am günstigsten wäre es sicher, wir würden wieder auf Bäumen wohnen." Die Geisteswissenschaften sollten "nicht verzweifelt versuchen, ihre Nützlichkeit zu beweisen."

Die Gesellschaft müsse "stolz sein, sich 'nutzlose' Forschung leisten zu können." Jegliche moderne Wissenschaft, sogar die Informatik, sei "völlig zweckfrei entstanden, einfach aus Neugier und Suche nach Selbsterkenntnis". Schließlich wisse man nie, welche Anwendbarkeit sich ergebe: "Heute sucht das FBI auf seiner Homepage verzweifelt Arabischdolmetscher. Arabisch hat in den USA nie wer studiert, das war doch völlig sinnlos", ätzt Liessmann. Und schließlich: "Ohne Philosophie, ohne Religionskritik gäbe es keine Menschenrechte. Vielleicht will man heute absichtlich das Wissen um die Genese der Demokratie zurückdrängen."

Geisteswissenschaft sei eine Form der Selbstbestimmung, sei pure Selbsterkenntnis: "Wer an der Geisteswissenschaft herummäkelt, will über sich selbst nichts wissen. Das ist, mit Kant, selbst auferlegte Unmündigkeit." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 11. 2001)

Von STANDARD-Mitarbeiter Robert Schlesinger
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