Der Wein kam vor den Römern

13. November 2001, 19:32
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Das Nahverhältnis Ostösterreichs zum Rebensaft ist älter als bisher gedacht

Stillfried/Wien - Aufzeichnungen gebe es keine über "die alten Völker nördlich der Alpen", erläutert Gerhard Trnka vom Wiener Institut für Ur-und Frühgeschichte. Keinerlei "antike Nachricht" der Griechen oder Römer über jene Menschen, die um 1000 bis 800 vor Christus jenseits der Donau lebten. Die also mit Fug und Recht als Ur-Ostösterreicher zu bezeichnen sind.

Gegenstände aber hätten die frühen Vorfahren durchaus hinterlassen, so Trnka. Die ersten davon seien am markanten Fundort Stillfried an der March, der seit der jüngeren Altsteinzeit fast ununterbrochen besiedelt war, schon im 19. Jahrhundert aus der Erde geholt worden. Von Kulturhistorikern, die rund um eine noch erkennbare, auf einem Geländesporn über der March gelegene 23 Hektar große Wallanlage aus der späten Bronzezeit zu graben begonnen hätten. Erst spätere Archäologengenerationen hätten dann den prähistorischen Urnenfriedhof am gegenüberliegenden Hang entdeckt.

Tassen, Krüge, Nadeln

Dort fanden sie zwischen 1970 und 1990 Tassen und Krüge und Nadeln und Gewandreste. Prähistorische Schmied- und Töpferware, die nun "mithilfe der Naturwissenschaften analysiert wird", wie Trnka die "interdisziplinäre" Vorgangsweise der modernen Archäologie schildert. Auf diese Art und Weise wolle man Kriterien definieren, um genau nachvollziehen zu können, wie in der "mitteldanubischen Urnenfelderkultur" der Übergang von der Bronzezeit in die Eisenzeit vonstatten ging: ein aktuelles Projekt, das vom Wissenschaftsfonds finanziert wird.

Gewürzter G'spritzter

Dabei, so dessen Leiter Trnka, seien auch Spuren von Speisen und Getränken gefunden worden, die man den Verstorbenen einst auf den letzten Weg mitgegeben hatte. Zum Beispiel Kulturwein (Vinis vinifera) - eine wissenschaftliche Sensation. Weil damit "der älteste Nachweis einer Rebenkultur nördlich der Alpen gelungen" sei, sagt Trnka: Nicht erst die alten Römer hätten Bacchus' Segen ins spätere Heurigenland importiert.

Ein wahrer "Sauerampfer" sei der Bronzezeittropfen wohl gewesen, meint Trnka. Konsumiert habe man ihn in Mischform, mit Wasser, Gewürzen und Honig, die dem Getränk in großen Gefäßen mit engen Flaschenhälsen beigefügt wurden, wie sie im alten Griechenland benutzt worden seien.

Diese keramischen Formen zeigten, dass die alten Kulturen "überregional durchaus verbunden waren". Auf alle Fälle, so der Prähistoriker, hätten sie sich nicht an die heutigen Grenzziehungen gehalten, wie vergleichbare Funde auf der anderen Seite der March in der Slowakei bewiesen.

Keine Slawen und Germanen im Kampf um Territorium also, wie es Nationalisten bis heute interpretierten. Die "geistige Vorstellungswelt" und die Gruppenidentität der Bronzezeitmenschen liege vielmehr im Dunkeln. Welchen Kulten sie gefolgt seien, könne nur "interpretiert" werden. Etwa im Fall "abweichender Bestattungsformen" innerhalb der Urnenfelderkultur. Zwei ganze Skelettgruppen, zum Beispiel, geben weiterhin noch jede Menge Rätsel auf. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 11. 2001)

Das Nahverhältnis Ostösterreichs zum Wein ist älter als bisher gedacht. Schon vor 800 vor Christus wurde an der Donau die Rebe kultiviert, fanden nun Archäologen heraus. Fundstücke aus Stillfried an der March halfen dabei.

Von Irene Brickner
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