Afghanistan: Not, Fliegen und der Teufel - Von Gerhard Plott

12. November 2001, 19:14
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Die afghanische Nordallianz ist und bleibt ein unsicherer Kantonist

Mit jedem Sieg der afghanischen Nordallianz rückt das Hauptziel des Krieges gegen den Terrorismus näher - die Festnahme Osama Bin Ladens und der Sturz des ihn deckenden Taliban-Regimes, das sich offenbar bereits in Auflösung befindet. Was danach geschieht, weiß aber bisher niemand. Sicher ist nur, dass neues Unheil droht, wenn es keine Verständigung auf eine afghanische Nachkriegsordnung gibt.

Die Vertreibung der Taliban ist ein hehres Ziel, diese Leute sind Verbrecher. Sie unterdrücken und misshandeln - unter dem dicken Deckmantel der Religion - Frauen, knechten das Volk, bereichern sich auf dessen Kosten, handeln mit Opium, morden, arbeiten mit Terroristen zusammen und züchten hasserfüllten Nachwuchs für ihre fundamentalistischen Ziele. Afghanistan selbst wurde in eine kahle Wüste verwandelt.

Ausreichende Gründe für Bombardement

Es gäbe also - im westlichen Bewusstsein zumindest seit den Terroranschlägen in den USA - ausreichend Gründe, die Taliban zu zerbomben und auf die militärische Stärke und politische Kraft der Nordallianz zu setzen, obwohl dieses bunt zusammengewürfelte Bündnis den Namen "Allianz" nicht verdient.

Dennoch ist nicht automatisch des Feindes Feind ein guter Freund: Die Nordallianz hat zwar keine Hochhäuser mit Verkehrsflugzeugen planiert, doch ansonsten lässt sich über diese Räuberbande ähnlich Furchtbares berichten wie über die Herren in Kabul, die derzeit noch an der Macht sind. Erste Berichte aus Mazar-e Sharif, der von der Nordallianz eingenommenen Stadt, lassen schon Schlimmstes befürchten. Dort soll es sofort zu Morden, Verschleppungen und Folterungen gekommen sein.

Bündnis mit unangenehmen Kräften

Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen - der Westen verbündet sich auch mit unangenehmen Kräften, die das militärische Fußvolk zu stellen bereit sind. Gleichzeitig aber muss den westlichen Entscheidungsträgern klar sein, dass eine Allianz mit der Nordallianz nicht auf Dauer angelegt sein darf. Wer am Ende machtgierigen Gangstern die Geschicke Afghanistans anvertraut, der sorgt nur für mehr Krieg und Unsicherheit in der Region.

Ein zu großer Einfluss der Nordallianz in kommenden Regierungen würde automatisch den Keim weiterer Konflikte bilden. Das Motto der USA und ihrer westlichen Verbündeten für den Umgang mit diesen Leuten kann nur lauten: so lange wie nötig und so kurz wie möglich. Insofern ist das Zögern von US-Präsident George W. Bush, der sich gegen einen Einmarsch der Nordallianz in Kabul ausgesprochen hat, verständlich und klug.

Konfliktpotenzial

Denn nach einem möglichen Sieg gegen die Taliban drohen neue Konflikte um die Macht. Wer könnte, vom Volk akzeptiert, regieren? Wer hätte die Kraft, sich gegen die verschiedenen Rebellengruppen durchzusetzen? Die Antwort ist so kurz wie eindeutig: niemand.

Afghanistan ist zerrissen, aufgeteilt in Machtzonen und Interessengebiete - allein kann es sich nicht aus dem Sumpf der Gewalt ziehen. Das Land braucht Hilfe von außen - ein klassischer Fall für die UNO. Nur sie kann in diesem Umfeld als einigermaßen neutrale Macht auftreten - und vielleicht akzeptiert werden.

Bewährungprobe

Die Vereinten Nationen gehen in Afghanistan ihrer vielleicht größten Bewährungsprobe entgegen. Die UNO wird noch stärker zwischen noch mehr Parteien vermitteln, ihre Soldaten werden wahrschein- lich kämpfen müssen. Aber eine gangbare Alternative dazu ist nirgendwo zu sehen, auch wenn Afghanistan kurzfristig zum UN-Protektorat werden sollte.

Jetzt, noch bevor der Krieg endgültig entschieden ist, lassen sich Zugeständnisse der Interessengruppen im In- und Ausland im Hinblick auf Machtteilungen oder die zukünftige Einhaltung von Menschenrechten noch am ehesten erreichen. Diese Chance muss genutzt werden - es ist vielleicht die einzige. Ob ein Frieden in Afghanistan allerdings auch ein Ende des Terrorismus bedeutet, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 13.11.2001)

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