Geh nicht aufs Amt vor Weihnachten

12. November 2001, 19:02
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Spröder Sozialrealismus im Theater in der Drachengasse

Wien - Es ist nicht die subtile Art, in der Michaela Ronzoni ein Stück über die Ausläufer des Sozialstaates geschrieben hat oder in der Stefan Weber den Text erstaufgeführt hat und auch nicht, wie die beiden Schauspielerinnen Viktoria Schubert und Andrea Händler dies kommunizieren. Es ist blanker und bis ins Detail spröder Sozialrealismus, der unter der Kuppel der Bar&Co-Bühne des Theater Drachengasse hervorblitzt.

In handicap verhandelt eine Antragstellerin (Schubert) kurz vor Dienstschluss am 23. Dezember mit der zuständigen Amtsperson Dr. Amtmann (Händler) die aussichtslose Erhöhung des Pflegegeldes für ihren Bruder. Ob die (dominierende) Diskussion um Paragraphen einen brauchbaren Theatertext ergibt, sei angezweifelt: Vokabelattacken in furchterregendem Amtsdeutsch (Anspruchsvoraussetzung, Einstufungsverordnung etc.) vermögen im Kabarett Besseres zu bewirken.

Die dem ekelhaften Durchschnitt hiesigen Krankenkassendesigns nachempfundene Bühne (orange Plastikbestuhlung, Rauchglastisch mit Lebenshilfebroschüren, kaputter Wasserspender, Guckfenster etc.) erlebt aber einen Moment theatraler Vision: die traumnah sich entwickelnde Tanzeinlage zu Schnulzenklängen aus dem Kassettenrekorder des nebenan wartenden Bruders.


(afze - DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11. 2001)

Theater Drachengasse,
1., Fleischmarkt 22
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