So hart, dass die Steine weinen

12. November 2001, 19:26
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Steve Albini und Shellac gastierten in Wels

von Christian Schachinger

Wels - Eine Wurzelbehandlung zählt zu den unangenehmsten Dingen, die sich der Mensch gegen seinesgleichen ausgedacht hat. Allerdings ist sie letztlich für etwas gut. Sie tut zwar wie die Hölle weh, aber der Dreck muss raus. Danach fühlt man sich frei.

Foto: Shellac
An die Wurzel gehend bedeutet: radikal. Radikal steht für: gründlich, hart - und ohne Rücksichtnahme. Steve Albini, einer der, wenn man so will (er will!), radikalsten Rockmusiker der Geschichte, ist dem heutigen jungen Menschen vor allem als Produzent des letzten Nirvana-Albums "In Utero" bekannt. Am Wochenende gastierte er mit seinem Trio Shellac beim Welser Festival "music unlimited".

Laut und derb

Ihm eilt der Ruf voraus, gemeinhin das zu verkörpern, was man sich vor der uneingeschränkten Solidarität mit den USA als Ugly American vorzustellen hatte: Steve Albini ist laut, derb, geschmacklos - und er ist zynisch bis zum Anschlag. Natürlich stellt sich dann heraus, dass er privat der umgänglichste Mensch überhaupt ist. Aber egal.

Foto: Shellac
Steve Albini führte in den goldenen Zeiten des US-Hardcore während der 80er-Jahre in Chicago das sagenumwobene Trio Big Black in die postpubertäre Schlacht gegen die Enge und Langeweile in den Kleinstädten dieser Welt. Zu klirrend kalten, rein auf die Höhen hin abgemischten Gitarren und einem hämmernden Drumcomputer setzte es damals aggressive, nihilistische Klassiker wie "Kerosene": "Nothing never ever to do in this town, just sit around home . . . gonna set myself on fire - Kerosene!").

Es setzte "Sounds Of Impact", ein Livealbum, das auf dem Cover die letzten Dialoge zwischen Piloten von abstürzenden Passagiermaschinen und der Flugsicherung abgedruckt hatte - und es setzte neben live an den Gitarren blutig gerissenen Händen schließlich das Album "Songs About Fucking". Dazu muss man sagen, Albinis Kunst ist gemeinhin eher für junge männliche Vandalen als für Frauen gedacht.

Danach verlegte sich Albini zunehmend auf die Produktion von Alternative-Größen wie den Pixies oder eben Nirvana und gründete nebenbei die Formation Rapeman. Ebenfalls in Triobesetzung, allerdings von da an mit Schlagzeuger, führte Albini hier weniger die Brutalität von Big Black fort, als er sich als politisch selbstverständlich unkorrekte Neudeutung von ZZ Top und ihrem Texas Boogie in Szene setzte.

Mit seiner derzeitigen Formation Shellac, die mit Bassist Bob Weston und Schlagzeuger Todd Trainer die derzeit beste und härteste Rhythmusgruppe im Rock bietet, verdichtet Albini, der heute Musik bewusst nur mehr als Hobby betreibt, die alten Qualitäten zu präzisem Rudimentär-Rock, der dem Welser Publikum nach drei Tagen freierer Improvisation im "Jazz"-Bereich am Sonntag ordentlich die Ohren durchputzte.

Eine wesentliche, heute vergessene Kategorie des Rock haben wir noch vergessen, den Hass. Hass auf die Welt, der sich im Zweifel auch gegen sich selbst richtet: "Song Against Itself", Albumtitel "1000 Hurts." Die Zukunft des Rock liegt in der Vergangenheit. Hart wie die Steinzeit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.11. 2001)

Ein Exklusivinterview mit Steve Albini lesen Sie am 23. 11. im STANDARD-Rondo.

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