Weg und zugebaut

12. November 2001, 19:27
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Vorher und nachher im Stadtbildvergleich

Wien - Da war mal eine niedrige Häuserzeile, die den Kern von Alt-Ottakring bildete. Samt "Straßenmöblierung", wie "Einrichtungen, die der Nutzung öffentlicher Straßenräume" dienen, bezeichnet werden. Die "Möbel", sprich Straßenlaternen oder Sitzbänke, sind verschwunden, die Dampfbäckerei von Nummer 218 in der Ottakringer Straße auch. Heute ist der Ort zugebaut: mit Wohnhäusern. Schmucklos. Viel Platz für viele Menschen.

Den Vorher-nachher-Vergleich haben die Autoren der "Stadtbildverluste" penibel anhand alter Fotos durchgeführt. Kaum ein Gebäudeabriss ist ihnen entgangen. Und kaum ein Neubau in der Stadt, den sie nicht kritisieren. Über Jahrzehnte hinweg dauerte die Beobachtung aus architektonischer, kunsthistorischer und sozialwissenschaftlicher Sicht von Dieter Klein, Martin Kupf und Robert Schediwy. Mit größter Wehmut, wie die Autoren gestehen, verfolgen sie das Ersetzen des Alten durch das Neue und beklagen "Fehlentscheidungen, die auf die Harmonie des Stadtbilds (...) eine negative, ja sogar katastrophale Wirkung haben". Nicht einmal der Krieg habe solche Schäden hinterlassen.

Beobachtet hat Schediwy noch ein ganz anderes Phänomen: Zeitgeistwellen. Der Soziologe hat eine Chronik der Stadtbilddiskussion anhand der Medienberichte über mehrere Jahrzehnte erstellt. Seine Conclusio: "In der Hochkonjunktur neigen die Stadtplaner zu himmelstürmenden Visionen." In der Rezession heißt's "small is beautiful". Also derzeit keine Hochhäuser für Wien. (aw,derstandard,print-ausgabe,13.11.2001)

Stadtbildverluste, Edition Atelier, Wien 2001
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