Mysterium Muttermilch

12. November 2001, 11:54
posten
Aktuelle Studien zeigen, dass Muttermilch wahre Wunderwirkungen auf die Gesundheit von Säuglingen hat. Prof. Christian Marth von der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Innsbruck erklärt im Interview mit mymed.cc, warum der besondere Saft trotz aller Analysen noch länger ein Mysterium bleiben wird.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Professor Marth, vor etwa einem halben Jahr kam Ihre Klinik in die Schlagzeilen, weil an ihr Muttermilch auf BSE getestet wurde. Was ist schließlich dabei herausgekommen?

Marth: In keiner einzigen Probe konnten Prionen nachgewiesen werden. Zum Glück für die untersuchten Frauen, denn ein positives Ergebnis wäre natürlich eine Katastrophe für sie gewesen. Leider schließt das negative Resultat eine Prionen-Infektion aber auch nicht mit Sicherheit aus. Schließlich hat man auch in der Milch von BSE-kranken Kühen bisher keine Prionen gefunden. Wir verfolgen dieses Forschungsprojekt wegen seiner geringen Aussagekraft derzeit nicht weiter.

Mymed: Aktuelle internationale Studien behaupten, dass Muttermilch dagegen wahre Wunderwirkungen auf die Gesundheit der Säuglinge hat. Stimmt es, dass gestillte Kinder gesünder sind als jene, die mit der Flasche aufgezogen wurden?

Marth: Es hat sich tatsächlich im Rahmen von Untersuchungen herausgestellt, dass gestillte Kinder besser vor Infektionen geschützt sind, seltener Allergien und Diabetes entwickeln und später auch eine geringere Neigung zu Übergewicht haben. Bei all diesen retrospektiven Untersuchungen ist aber zu berücksichtigen, dass noch andere Faktoren die Ergebnisse beeinflussen können. Der soziale Hintergrund der Eltern, eine eventuelle Erkrankung der Mutter, das Bildungsniveau, etcetera.

Mymed: Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Norwegen behauptet, dass gestillte Babys nach fünf Jahren einen höheren IQ haben. Entspricht das auch Ihren Beobachtungen?

Marth: Ich kenne diese Studie nicht im Detail, kann die Ergebnisse also auch nicht bestätigen oder widerlegen. Allgemein ist zu sagen, dass solche Studien meist sehr große Unschärfen haben, da sie die sozialen Faktoren nicht genügend berücksichtigen. So haben Umfragen gezeigt, dass höher gebildete Mütter im Durchschnitt eine bewusstere und positivere Einstellung zum Stillen haben als weniger gebildete Frauen, die ihren Kindern manchmal lieber aus Bequemlichkeit die Flaschennahrung geben. Es kann also durchaus sein, dass es gar nicht die Muttermilch war, die zu einem höheren IQ beigetragen hat. Man soll da niemandem ein schlechtes Gewissen einreden. Schließlich gibt es auch Frauen, die nicht genug Milch produzieren und auf Flaschennahrung angewiesen sind. Davon ist das Gedeihen und die geistige Entwicklung ihrer Kinder sicher in keiner Weise beeinträchtigt.

Mymed: Welche Inhaltsstoffe der Muttermilch sind es, die nicht auch künstlich hergestellt werden können?

Marth: Das wüssten die Hersteller von Babynahrung auch gerne! Da wird ja seit vielen Jahren intensiv analysiert und geforscht. Trotzdem ist dieser besondere Saft, den der Mensch selbst produziert und der soviel Gutes tut, nach wie vor ein Mysterium. Wir vermuten, dass für die Gesundheitseffekte nicht alleine die Zusammensetzung der Muttermilch verantwortlich ist, sondern der ganze Vorgang des Stillens. Der enge Körperkontakt verstärkt das sogenannte "bonding", also die Intensität der Beziehung zwischen Säugling und Mutter auch auf der geistigen und seelischen Ebene.

Mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: mymed.cc
Share if you care.