Bush: "Die Zeit des Beileids ist vorbei"

11. November 2001, 19:18
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Bush mahnt in seiner ersten UN-Rede zum Kampf gegen Terror

Die Zeit, den Vereinigten Staaten nur Beileidskundgebungen zu bieten, sei vorbei, hat US-Präsident George W. Bush am Samstag in seiner ersten Rede vor der UNO seit seinem Amtsantritt erklärt: "Jedes Mitgliedsland hat nun die Pflicht, innerhalb seiner eigenen Grenzen gegen die Finanzierung von Terroristen vorzugehen, und die Verantwortung, Informationen auszutauschen . . . Für jede Nation steht etwas auf dem Spiel", versicherte Bush den schweigend lauschenden Delegierten - seine Rede wurde nicht durch Applaus unterbrochen.

"Während wir hier sprechen, planen die Terroristen weitere Morde, vielleicht in meinem Land, vielleicht in Ihrem", fuhr Bush fort. In seiner Rede, in der er zwar kein Blatt vor den Mund nahm, jedoch auf die eher derben Floskeln verzichtet, die er in seinen Ansprachen für die Amerikaner erfolgreich angewendet hatte, erinnerte Bush die Vollversammlung auch daran, dass unweit vom UN-Gebäude am East River "Tausende in einem Grab aus Schutt lägen". Alleine die Namen der Opfer aufzuzählen würde mehr als drei Stunden beanspruchen. Bush warnte wiederum jene Staaten, die Terroristen beherbergten oder unterstützten: "Manche Länder drücken ein Auge zu, in der Hoffnung, dass sie verschont bleiben. Sie irren sich." Bei den ungenannten Staaten handle es sich laut Bush-Mitarbeitern unter anderen um Syrien, Irak und Somalia.

Der von bisher in New York noch nie da gewesenen extremen Sicherheitsmaßnahmen begleitete Auftritt des US-Präsidenten in der UNO wurde von Beobachtern als ein weiteres Zeichen gewertet, dass die Politik der Bush-Regierung nach den Attacken des 11. September eine Wendung um nahezu 180 Grad erfahren hatte: Vom beinahe trotzigen Unilateralismus zu einer Bekräftigung der Staatengemeinschaft oder, wie die New York Times es ausdrückte, "einem neuen Glauben an den Multilateralismus". Bei Bushs Hinweis auf Drohungen der Taliban gegen UNO-Generalsekretär Kofi Annan schien seine Wortwahl ("unser Generalsekretär") diese neue Politik zu bestätigen.

Auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Außenministerin Benita Ferrero-Waldner zeigten sich in einer Pressekonferenz am Samstag erfreut über die steigende Bedeutung, die der UNO derzeit zukomme. Schüssel sprach von einer "Wiedergeburt" der Vereinten Nationen, die auch durch die Verleihung des Friedensnobelpreises an Kofi Annan bekräftigt worden sei. Der Kanzler wies jedoch auch darauf hin, dass man über dem notwendigen Kampf gegen den Terror andere Belange der UNO nicht außer Acht lassen solle, etwa die Bekämpfung der Armut und bessere medizinische Versorgung. (DER STANDARD, Print, 12.11.2001)

STANDARD-Korrespondentin Susi Schneider aus New York
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