Österreicher und Tschechen: Durch Streit zur Verständigung

11. November 2001, 19:10
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Neuen Anlauf zur Entkrampfung des Verhältnisses

Prag/Wien - Klein-Schwejk sitzt am Tisch und will mit einem Hammer ein Atom zertrümmern. Kaiservater Franz Joseph hebt drohend den Zeigefinger. Wenn selbst ein so seriöses Medium wie das Prager Wochenmagazin Euro den Streit um Temelín in den Augen seines Karikaturisten so deutet, lässt sich erahnen, was im Verhältnis zwischen Tschechen und Österreichern noch aufzuarbeiten ist.

Ebendies will eine Serie von Konferenzen unter dem Motto "Österreich und die Tschechische Republik im zusammenwachsenden Europa" bewirken, deren zweite am Wochenende in Schloss Stirín bei Prag stattfand. Die wechselseitigen historischen Verwundungen waren auch diesmal noch stark präsent, wenngleich nach Ansicht vieler Teilnehmer eine weit entspanntere Atmosphäre herrschte als bei der ersten Konferenz im Frühjahr in Wien.

Emil Brix, Vizedirektor des Wiener Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM), verwies auf ein von Václav Havel angesprochenes Paradoxon: Trotz ihrer starken historischen und kulturellen Verbundenheit hätten Tschechen und Österreicher im 20. Jahrhundert noch kein dieser Verbundenheit adäquates Verhältnis gefunden. Brix selbst sieht allerdings Trennungserlebnisse (von der Schlacht am Weißen Berg 1620 über 1867 und 1918 bis 1945) als das Wesentliche im kollektiven Gedächtnis beider Nationen. Wenn nun im Zuge der europäischen Integration Staaten an Souveränität verlören, steige das Interesse an symbolischer Politik, sagte Brix unter Anspielung auf die mythische Überhöhung der Temelín-Debatte.

Der von den Medien vermittelte Eindruck, dass dieses Thema die Beziehungen sozusagen ohne Rücksicht auf Verluste beherrsche, wurde vom Wiener Meinungsforscher Rudolf Bretschneider allerdings stark relativiert. In einer vor rund drei Wochen in Österreich durchgeführten repräsentativen Umfrage bejahten nur elf Prozent die Aussage: "Wenn Österreich nur hart genug droht, werden die Tschechen bei Temelín schon nachgeben." Dagegen meinten rund 60 Prozent, es sei besser, mit dem wirtschaftlich wichtigen Nachbarn die Zusammenarbeit statt den Streit zu suchen.

Die Frage der Benes-Dekrete (Grundlage für Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen und Ungarn nach dem Krieg, Red.) taucht laut Bretschneider in den Umfragen als relevantes Thema praktisch nicht auf. Bei den Vertretern der Sudetendeutschen Lands-mannschaft in Österreich (SLÖ) löste dies ungläubiges Kopfschütteln aus.

Für noch heftigere Reaktionen sorgte der Schriftsteller Pavel Kohout. Er verband ein klares Bekenntnis zu den Verbrechen der Vertreibung ("Diese Schuld wird für immer auf den Tschechen lasten") mit scharfer Kritik an den Sudetendeutschen-Vertretern: Im Gegensatz zu den Tschechen hätten diese die eigene Vergangenheit noch nicht aufgearbeitet: Es seien "Leute Ihres Stammes" gewesen, von denen die Verbrechen der Nazis ausgegangen seien.

Steinernes Gesicht

Mit steinernem Gesicht saß Kohout da, als Alfred Bäcker, Vizevorsitzender der SLÖ, ihn aufforderte, "nicht andere, die gelitten haben, zu beleidigen". Der tschechische Politologe Jaroslav Sonka versuchte es mit einem versöhnlichen Ansatz: Wenn Kohout den Sudetendeutschen pauschal vorwerfe, sie hätten Hitler selber mitgebracht und seien daher auch für die Folgen verantwortlich, "dann ziehen Sie auch jene mit hinein, die im Widerstand tätig waren". Und die Ereignisse von 1945 endlich der Geschichte anheimfallen zu lassen, wie Kohout dies fordere, sei eben nicht möglich, "solange die Toten nicht ordentlich begraben sind", sagte Sonka, indem er diesen Ausspruch von Barbara Coudenhove-Kalergi zitierte, die zuvor in einem bewegenden Beitrag für Versöhnung plädiert hatte.

Wie kann diese gelingen? Der Wiener Kommunikationswissenschafter Thomas Bauer plädierte für offenes Austragen der Gegensätze. Es gehe darum, in Spruch und Widerspruch auch sich selber besser zu verstehen und schließlich "jenen Punkt der Ratlosigkeit zu erreichen, wo wir merken: Wir müssen uns verständigen."

In diesem Sinn war die Konferenz von Stirín durchaus ein Erfolg.

Josef Kirchengast
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