Die ungeahnte Brisanz eines Allerweltsthemas

11. November 2001, 20:56
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New York beim Salzburger Jazzherbst

Salzburg - An sich war das gewählte Festival-Motto ja der "No na"-Kategorie zuzuordnen. New York, die Immer-noch-Welthauptstadt des Jazz, als Thema einer sich um große Namen bemühenden Reihe einschlägiger Konzerte, das wies doch eine gewisse Redundanz auf. Die Ereignisse des 11. September verliehen der inhaltlichen Ausrichtung des 6. Salzburger Jazzherbsts indessen ungeplante Brisanz. Hank Jones, 83-jährige Legende des Jazzklaviers, sagte drei Tage vor dem für Samstag fixierten Auftritt seine Europareise ab, nachdem er via TV eine Warnung vor möglichen weiteren Terroranschlägen vernommen hatte.

Das Wiener Veranstalterteam um Johannes Kunz fand in Abdullah Ibrahims Trio rasch gleichwertigen Ersatz. Denn der launige Pianist erwischte einen konzentrierten, entspannten Abend, an dem die schwierige Gratwanderung zwischen weiser Reduktion und banaler Simplizität beispielhaft glückte. Eine einstündige Piano-Meditation, durch wiederholte Wechsel zwischen Solo-Rubato und diskreter Bass-Schlagzeug-Sekundanz strukturiert, gerierte sich - zwischen den Zeilen der sparsam gesetzten Töne gelesen - als kleine Reise durch die Jazzgeschichte.

Vom Kap des Schwarzen Kontinents zurück an Amerikas Ostküste. Was blieb von New York? Sicherheitsdenken scheint dort zurzeit auch die musikalische Ästhetik der jüngeren ProtagonistInnen zu bestimmen. Jane Monheit, der 24-jährige Shootingstar des Vokal-Jazz bestätigte jene Skeptiker, die meinen, dass gerade zur Interpretation abgesungener alter Jazz-Hadern von Irving Berlin bis Harold Arlen mehr gehört als eine technisch makellose Stimme.

Maria Schneider, die ehemalige Gil-Evans-Schülerin, wird noch immer als Nachwuchshoffnung des Bigband-Jazz gehandelt, obwohl sie sich längst in mainstream-verdächtige Gefilde manövriert hat. Die Wirkung ihrer immerhin mit polyphoner Raffinesse aufwartenden Musik hintertrieb die 41-Jährige indessen selbst durch allzu große Mannschaftsdienlichkeit, Aufbau und Entwicklung der Kompositionen zerfaserten allzu oft in einer Abfolge mittelmäßiger Soli. Fazit: Man suche nicht nur im Zentrum. An den Rändern der Jazz-Welt ist die Musik oft frischer.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 11. 2001)

 Von
 Andreas
 Felber


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