Im Ende war das Wort: Kollaps und Klimax

11. November 2001, 20:55
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Morton Feldman bei "Wien Modern"

Wien - Es liest sich ja alles immer so wunderbar in der Fachliteratur und in den Konzertführern, von Morton Feldmans "Klang im Jetzt", dem "akustischen Filigran" (Peter Niklas Wilson), welches der Amerikaner webt und knüpft "wie die türkischen Nomaden ihre Teppiche" (Ulrich Dibelius). Und dann saß man im Konzerthaus bei Wien Modern und erlebte beim Eröffnungspièce des Feldman-Zyklus, The Viola in my life, eine buchhalterisch spröde Aneinanderreihung kollabierter Tonbrösel. Oder die Eight Pieces für Violoncello und Klavier: selbstredend, dass man da etwas von kristallinen Miniaturen Webernscher Dichte faseln könnte; das konkrete Hörerlebnis jedoch scheint mit der Phrase "Dialog zweier zwangssedierter Büroklammern" trefflicher beschrieben.

Mitschuld an der zuweilen feldmausgrauen Atmosphäre trug auch das ensemble recherche: Die vor allem im ersten Teil zwar akkurate, doch nur selten klangsinnliche Darbietung vermochte wohl nur echte Feldmaniacs zu fesseln. Später wurde die Sache erträglicher: Something wild in the City: Mary Ann's Theme atmete, schwebte, wurde zum zart-schimmernden Lullaby. Und das nachfolgende For Aaron Copland für Violine solo brachte Melise Mellinger sexy zaghaft, unmerklich schwingend. Die beiden Musiken zu den Kurzfilmen Jackson Pollock und Willem de Kooning: The Painter waren in ihrer autistischen Nichtreaktion auf das Gezeigte enttäuschend.

Zum Ereignis geriet dann das spätabendliche Hörspiel Words and Music, ein furioser wie intimer Pas de deux einer grandiosen Sprachkomposition Samuel Becketts (schade, dass der Text nicht im Katalog nach- bzw. vorzulesen war) mit den erdenfernen Klängen Feldmans. Würde Gerechtigkeit walten auf diesem Planeten, die beiden Sprecher Stephen Lind und Hugh Walters gehörten augenblicklich mit Geld und Gold und anderen angenehmen Dingen überschüttet für ihre Leistungen.

Lind als "Words" mit betörend artifiziellen Sprachgesang, Walters als "Croak" mit Learscher Wucht und Musikalität, grunzend, schäumend, greinend. Seltsam: Die visuellen Aspekte der Musik zu ergründen ist Wien Modern heuer ausgezogen; in der Kooperation mit dem Wort fand es den bisherigen Höhepunkt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 11. 2001)

 Von
  Stefan Ender


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