Wahrheitslüstling mit dem Erfinderblick

11. November 2001, 20:51
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Im Porträt: Peter Zadek, für "Rosmersholm" mit "Nestroy"-Preisen geehrt

Es blieb dem 75 Jahre alt gewordenen jüdischen Emigranten Peter Zadek vorbehalten, den schwarzen Bühnenguckkasten als das überdauernde Zentrum wahrhaft menschlicher Gestaltwerdung neu zu erfinden. Ob das deutschsprachige Theater für ihn dabei als "Heimat" überhaupt infrage kommt, mit ihm als Zentralgestirn inmitten einer rundum beweglichen, überallhin verpflanzbaren Schauspieler-Republik, darf ruhig dahingestellt bleiben.

Zadek hat auf die ihm eigene unsentimentale Weise die "geschaute" Wahrheit zum Maß der Theaterdinge erhoben. Er kann Schauspieler mit seinem ungerührten Liebhaberblick während der langen Probemonate, die ihm der Theaterbetrieb bereitwillig einräumt, zur Weißglut treiben: Sie fallen dann plötzlich aus ihren eng geschnittenen Routinekostümen heraus.

Sie treten nackt und bloß in das Licht von Zadeks verblüffender, werbender Theatervernunft: den Kopf leicht zur Seite geneigt, den Mohairschal lässig um die Schultern geschlagen, liegt in einem wie achtlos beiseite gesprochenen Wort ("Du spielst mir etwas vor!") der Schlüssel zu einer ganzen Theaterauffassung: Die Figuren verschwinden, von Zadeks durchdringendem Blick verscheucht, hinter den Menschen. Deren ganzer kleiner, fieser Katzenjammer ist zugleich: die ganze triumphale Wahrheit.

Zadeks völlige Dünkellosigkeit gegenüber den Ständeklauseln in den schönen Bühnenkünsten hat gewiss mit seiner "soliden" angelsächsischen Ausbildung zu tun: Der aus Berlin-Wilmersdorf Gebürtige hat in der walisischen Theaterprovinz ausgiebig hinter die Wellpappwände der trostlosen Routine geschaut.

Er hat 1958 Genets Der Balkon in London uraufgeführt und sich darüber mit dem Autor zerkracht. Er hat nach seiner Übersiedelung in die Bundesrepublik im selben Jahr Boulevard gemacht; die Klassiker "zertrümmert", sie zu Comics-Sprechblasen überhöht, sein Naturell an Kortner und Brecht überprüft, wobei er Letzteren zurückwies, und im Wechsel der "-ismen" und Moden eine Art traumwandlerische Übersicht behalten: in Bremen, Bochum, Hamburg, Wien und anderswo.

Zadeks unsentimentales Wesen lässt ihn ungerührt auf die Blindflecken der überlieferten Texte starren: In einer Art Blick-Angstlust erkannte er im Juden Shylock den Täter als Opfer - ohne ihm den Druckverband des vorschnellen Einverständnisses begütigend anzulegen.

Wenn es denn so etwas wie Heimat für Peter Zadek und seine Lebensgefährtin, die Autorin Elisabeth Plessen, gibt, so ist es ein Landhaus im toskanischen Lucca. Hinter einer Flasche "Evian" sitzend, denkt er sich dort Projekte aus: wie Marlowes Juden von Malta, die nächste sichere Nestroy-Preisbank für Klaus Bachlers Luxus-Burg.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 11. 2001)

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