Edward Said und die postmoderne Gegenaufklärung

11. November 2001, 17:54
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Was wir aus der Geschichte lernen könnten: Die Umkehrung des Orientalismus ist auch nicht die Lösung

Rassisten dehumanisieren Afrikaner als "Neger". Diese antworten darauf defensiv-kulturell, indem sie den "hässlichen Neger" in eine Verherrlichung des "Negerseins" umkehren. Jean-Paul Sartre hat die zum Beispiel vom senegalesischen Poeten und einstigen Staatspräsidenten L.S. Senghor kultivierte "Négritude-Ideologie" zu Recht als "antirassistischen Rassismus" kritisiert.

Nicht anders verfährt der amerikanische Palästinenser Edward Said mit dem Orientalismus der arroganten Europäer und Amerikaner, weil sein Anti-Orientalismus der Logik des Gegners verhaftet bleibt. Somit degradiert er die Orientalismus-Kritik zur Keule im Dienste der Gegenaufklärung. Ich gehörte einst zu den Freunden von Edward Said, und meine erste Veröffentlichung in englischer Sprache vor mehr als einem Vierteljahrhundert erfolgte in in einem von ihm herausgegebenen Buch mit dem Titel: The Arabs Today. Alternatives for Tomorrow (1973). Als Edward Said 1979 sein Buch Orientalism veröffentlichte, bejubelten wir - also seine Freunde - diese Kritik des Orientalismus. Diese allerdings niemals uneingeschränkt gewesene Zustimmung habe ich bis zuletzt in dem Orientalismus-Kapitel meines Buches Einladung in die islamische Geschichte (Primus-Verlag 2000, S. 136-190) bekundet, jedoch wieder nicht, ohne die Tendenz Edward Saids zur Umkehrung des Orientalismus zu kritisieren. Damit meine ich die Bewahrung der Logik des Gegners durch Umkehrung des Angriffs vom Orient zu einem solchen auf den Okzident. Das ist eben wieder der von Sartre kritisierte antirassistische Rassismus.

Der begrenzte Vorbehalt gegenüber Said gibt nun nach dem 11. September Anlass, sich von ihm massiv zu distanzieren, nachdem er durch seine antiwestliche Haltung die Qualität des Vermittlers zwischen Orient und Okzident eingebüßt hat. Said wandelte sich vom Aufklärer über den Orientalismus zum antiwestlichen Gegenaufklärer; er avanciert sogar zum Propagandisten gegen den Westen. Den Fragen nach dem "Denken der Djihad-Rhetoriker" unter arabischen Islamisten weicht Said aus, verleugnet implizit die Existenz des Islamismus als totalitärer Ideologie und teilt den Europäern desinformierend mit, dass kein Araber "in einer islamistischen Republik leben will".

Ich frage: Warum ist dann der Islamismus so populär in der arabischen Welt? Dieses weiß er aus meiner Feldforschung und nicht nur von westlichen Medien. Said wendet in einem STANDARD-Gespräch seine Rhetorik gegen Amerika und den Westen und klagt "das Vokabular von Kreuzzug und Apokalypse" an. Und wie steht es mit dem von den Islamisten und Bin Laden bemühten Vokabular des Djihad?

Als Antwort auf diese Frage an Said schreibt Jörg Lau in Die Zeit (26. Oktober 2001, S. 8) unter dem Titel: "Was den Terroristen Atta antrieb" sehr bedauernd, dass "die große Idee des Djihad auch in dieser finsteren Stunde mit Edward Saids einfühlsamer Rettung rechnen kann. Die großen Ideen der westlichen Aufklärung hingegen haben solche hermeneutische Gnade durch den Postkolonialismus (Saids) nie zu spüren bekommen. Sie wurden statt dessen an den Pranger gestellt." In seiner postmodernen "Dekonstruktion", die die Form der Fälschung annimmt, bestreitet Said, dass es je Djihad gegen Europa und den Westen gegeben habe (so in einem Artikel Saids in The Nation); er disqualifiziert jeden Bezug auf Zivilisationen und zivilisatorisches Bewusstsein als Huntingtonsches Vorurteil.

Ich frage Said: Ist es wahr, dass die Kriegserklärung islamischer Terroristen vom 11. September nichts mit Zivilisationskonflikten zu tun hat? In Saids Veröffentlichungen finde ich keine Antwort darauf. Dabei gehe ich von Fakten aus. Die 1,5 Milliarden Muslime dieser Welt sind durch große innerislamische kulturelle Vielfalt gekennzeichnet, sie formen dennoch im Hinblick auf ihre Weltanschauungen, Weltbilder sowie Normen und Werte eine einheitliche Zivilisation. Diese Kombination von kultureller Vielfalt und zivilisatorischer Einheit gilt ebenso für den Westen. Stehen beide Zivilisationen in Konflikt zueinander? Schauen wir uns etwa die Franzosen an, die eifrig ihre französische kulturelle Identität, so etwa gegen Deutschland oder die USA, verteidigen, finden wir, dass sie trotz allem seit dem 11. September ihre Zugehörigkeit zur westlichen Zivilisation betonen.

Es war kein Zufall, dass die große Tageszeitung und französisch-selbstbewusste Le Monde nach der Kriegserklärung islamischer Fundamentalisten an die westliche Zivilisation am 11. September auf der ersten Seite mit der Überschrift erschien "Wir sind alle Amerikaner". Als die USA auf den Angriff vom 11. September erst nach Bildung einer Antiterrorkoalition am 7. Oktober mit dem Gegenkrieg begannen, war die fundamentalistisch-islamische Antwort vergleichbar mit der von Le Monde und lautete: "Wir sind alle Bin Laden." Dies belegen die zahlreichen Bin-Laden-Kundgebungen von Palästina bis Indonesien. Eine zivilisatorische Identität wird hierbei unterstrichen.

Von Zivilisationskonflikt zu sprechen heißt nicht für den "Kampf der Kulturen" einzutreten, sondern Tatsachen festzustellen. Aufklärer müssen die Religion Islam von der politischen Strömung des Islamismus in der islamischen Zivilisation unterscheiden. Wenn es uns gelingt aufzuklären, können wir eine Eskalation des bestehenden Zivilisationskonfliktes verhindern. Statt dies zu tun, belehrt uns Edward Said in seinen Beiträgen, zum Beispiel in der Beilage "Literarische Welt" der Zeitung Die Welt (20. Oktober), dass es sich bei den Terroristen vom 11. September um "eine kleine Gruppe geistesgestörter Selbstmordattentäter" handle und fügt steigernd hinzu, diese seien ein Grüppchen "verruchter Fanatiker". Seine Schlussfolgerung ist also: Die Terroristen haben weder etwas mit Islam noch mit Islamismus zu tun, und es gebe weder eine zivilisatorische Identität noch Zivilisationskonflikte.

Nach dem postmodernen Denken Saids handelt es sich dabei um Konstruktionen. Schließlich geht Said so weit, die Geschichte zu fälschen und zu behaupten: "Der Islam war von Anfang an im Inneren der westlichen Kultur angesiedelt." Historiker wissen, dass dies eine falsche Geschichtsdarstellung ist, weil es bei der Religionsstiftung des Islam im 7. Jahrhundert noch keinen "Westen" gegeben hat. Jeder, der die Geschichte kennt, zum Beispiel das große Werk des Cambridge-Historikers Geoffrey Parker The Rise of the West/Entstehung des Westens, weiß, dass solche Angaben auf Unkenntnis der Geschichte beruhen. Die Fakten zeigen: Der Westen ist zwischen 1500 und 1800 entstanden, die islamische Zivilisation bereits im 7. Jahrhundert. Wie kann dann der Islam von Anfang an im "Westen angesiedelt" sein, wie Said es behauptet?

Bei dieser Thematik haben wir mit zwei Kontrasten zu tun: auf der einen Seite Said, der alle Konflikte zwischen Islam und Westen allein auf ein westliches "Feindbild Islam" zurückführt. Auf der anderen Seite haben wir Huntington, der den Islam quasi dämonisiert.

Ihren Höhepunkt hatte die islamische Zivilisation zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert. Dagegen ist die europäische Zivilisation in zwei Epochen unterteilt. Als zivilisatorische Größe, sprich christliches Abendland, hat sich Europa - laut dem belgischen Historiker Henri Pirenne - unter Karl dem Großen gebildet. Said beruft sich auf Pirenne als Gewährsmann, offensichtlich aber, ohne sein Werk zu kennen. Denn Pirenne zeigt, dass das christliche Abendland als Antwort auf den Islam als Djihad-Bedrohung entstanden ist. Wie ich in meinem Buch Kreuzzug und Djihad (1999, neu 2001) ausführe, war das islamische Djihad-Eroberungsprojekt eine Bedrohung für Europa vom 7. bis Anfang des 16. Jahrhunderts. Das christliche Abendland (von Karl dem Großen bis zur Renaissance) ist nicht mit dem säkularen Westen zu verwechseln. Zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert haben die Muslime auf den Djihad verzichtet, ihre großen Denker von Farabi bis Ibn Ruschd (dies nenne ich: islamische Aufklärung) haben die Hellenisierung des Islam betrieben, welche am Vorabend der Renaissance eine Brücke zwischen Europa und der Welt des Islam bot. Unter osmanischer Herrschaft war der Djihad eine Bedrohung für Europa (der 11. September war auch ein Djihad). Doch hatte der Islam auch ein anderes Gesicht: den islamischen Rationalismus, der Europa faszinierte. Scheinbar fehlen Said die historischen Kenntnisse, sodass er nicht zwischen der Bedrohung durch den Islam und seiner Faszination auf Europa zu unterscheiden vermag. Oder er verfälscht bewusst.

In seinen Arbeiten geht Huntington auf Said nicht ein, aber Said greift Huntington an und ist bestrebt, aus ihm eine Schießbudenfigur zu machen. Höchst geschichtsignorant führt er seine Anschauungen unter dem Titel Kampf den Ignoranten an. Leider sind alle beide - Said und Huntington - in Bezug auf den Islam Ignoranten, sodass man ironisch den Titel gleichermaßen auf beide anwenden kann. Beide haben nicht das erforderliche Wissen über den Islam, das sie befähigt, die Kombination von Bedrohung und Faszination in den historischen Beziehungen zwischen Europa und dem Islam zu sehen. Huntington dämonisiert den Islam, Said verherrlicht ihn; beide kennen die Fakten nicht.

Trotz der hier in scharfer Form gegen Said formulierten Kritik will ich seinen Beitrag als Literaturwissenschaftler hervorheben, der vor zwei Dekaden eine große Leistung bei der Orientalismus-Debatte erbracht hat. Doch danach scheint er den Kopf verloren zu haben. Er hat keine Ahnung vom Islam, obwohl er über ihn schreibt. Huntington kennt auch den Islam nicht kompetent, dagegen ist er ein respektabler Sozialwissenschaftler, dem wir die Rückkehr der Kategorie Zivilisation in die Analyse der Welt verdanken. Die Kriegserklärung vom 11. September ist keine Tat "Verrückter", sondern bringt das "Feindbild Westen" in der islamischen Zivilisation durch einen Kriegsakt zum Ausdruck. Huntington sieht einseitig nur dieses "Feindbild Westen" im Islam, wohingegen Said ebenso einseitig nur das "Feindbild Islam" im Westen sieht.

Nebenbei angemerkt: Ich möchte hier nicht verschweigen, dass Said Autor eines Buches über dieses "Feindbild Islam" ist, welches unter dem Titel Covering Islam erschienen ist. Nahost-Experten wissen, dass die Hizbollah und die Hamas-Fundamentalisten dieses Buch neben den Schriften des Begründers des islamischen Fundamentalismus Sayyid Qutb bei der Gehirnwäsche junger Muslime kollektiv lesen. Ich habe früher - bis vor kurzem etwa in meinem Buch Einladung in die islamische Geschichte - Said, wenngleich mit großem Abstand, gegen die deutsche Orientalistik verteidigt. Nach seinen Äußerungen nach dem 11. September erkenne ich in ihm einen Gegenaufklärer. Wer für den interzivilisatorischen Dialog eintritt, darf keinen Sand in die Augen streuen. Friede im Zeitalter des Zivilisationskonfliktes erfolgt durch ehrlichen und geistesoffenen Dialog, zu dem weder Anklage noch Selbstbezichtigung gehören; man muss ehrlich im Vorfeld auf die Unzulänglichkeiten auf beiden Seiten mit dem Finger zeigen: hier "Feindbild Islam", dort "Feindbild Westen".

Said will die Existenz des Feinbildes Westen in der islamischen Welt nicht anerkennen und sieht nur das Feindbild Islam; dadurch delegitimiert er sich. Dazu ist er offen ignorant und kennt die historischen Unterschiede und inneren Kämpfe im Islam nicht, so zum Beispiel jene zwischen islamischen Rationalisten auf der einen Seite und der intoleranten Fiqh-Orthodoxie auf der anderen. Europa hat weder von den islamischen Djihad-Kämpfern noch von den sakralen Fiqh-Juristen gelernt, diese waren stets eine Bedrohung. Europa hat vom hellenisierten islamischen Rationalismus gelernt.

Analog zur Spannung Rationalismus - Orthodoxie im mittelalterlichen Islam haben wir heute jene zwischen Islam und Islamismus. Es ist bedauerlich, dass Said diese Differenzierung übergeht. Said weiß sehr gut, dass der westliche Orientalismus eine zivilisatorische Einstellung im Westen gegen eine andere Zivilisation, also die des Islam, ist. Warum räumt er nicht ein, dass sein Antiorientalismus ähnlich wie der Islamismus die defensiv-kulturelle Einstellung zur Gegenseite ist? Warum klärt er den westlichen Leser nicht darüber auf, dass das "Feindbild Westen" ebenso irreführend wie das "Feindbild Islam" ist? Ich frage ihn: Ist es nicht Aufgabe des interzivilisatorischen Dialogs, beide zu überwinden? (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 10./11. 11. 2001)

Ein Essay von Bassam Tibi

Bassam Tibi, 1944 in Damaskus geboren, studierte Sozialwissenschaften, Philosophie und Geschichte in Frankfurt/Main und ist heute Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen sowie seit 1998 Bosch-Forschungsprofessor an der Harvard University.

Tibi wird am 12. November, 19.30 im Haus der Musik, Seilerstätte 30/ Eingang Annagasse, 1010 Wien, am Montagsgespräch des Standard teilnehmen, das unter dem Thema "Hat die Aufklärung versagt?" steht. Zur Gesprächsrunde werden, unter der Moderation von Standard-Chefredakteur Gerfried Sperl, auch der Integrationsbeauftragte Omar Al Rawi, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, Hubert Feichtlbauer, Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche", sowie Beate Winkler, Direktorin der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, gehören.
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