Die düsteren Jahre des "Protektorats"

11. November 2001, 17:07
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Bereits am 21. Oktober 1938 beauftragte Hitler das Oberkommando der Wehrmacht, die Besetzung der "Rest-Tschechei" vorzubereiten. In dem gelähmten Land fand eine völlige Umkehrung der politischen Verhältnisse statt.

Bereits am 21. Oktober 1938 beauftragte Hitler das Oberkommando der Wehrmacht, die Besetzung der "Rest-Tschechei" vorzubereiten. Durch den Vollzug der slowakischen Autonomie war der nach München verbliebene Rumpfstaat zum Bindestrich-Staat Tschecho-Slowakei geworden. In dem gelähmten Land fand eine völlige Umkehrung der politischen Verhältnisse statt. Die neue Regierung suchte den Staat durch eine Annäherung an Deutschland zu erhalten; die Agrarier, andere bürgerliche Parteien und die frühere Benes-Partei Nationale Sozialisten bildeten eine "Partei der nationalen Einheit", regiert wurde autoritär, die KP wurde verboten.

Aber das konnte Hitler nicht von seinem Ziel abbringen. Großbritannien und Frankreich ließen sich von ihm bei ihrem Versuch, die neuen tschechoslowakischen Grenzen, wie in München versprochen, zu garantieren, auf später vertrösten.

Als der Premier der slowakischen Teilrepublik Jozef Tiso sich weigerte, an den gemeinsamen Kabinettssitzungen teilzunehmen, wurde er von Prag abgesetzt. Hitler drohte, die CSR zwischen Deutschland, Ungarn und Polen aufzuteilen, und presste so dem slowakischen Landtag am 14. März 1939 die Unabhängigkeitserklärung ab. Am Abend des gleichen Tages musste der nach Berlin kommandierte, hilflose tschechoslowakische Präsident Emil Hácha ein Abkommen unterzeichnen, das "das Schicksal der tschechischen Nation in die Hände des Führers des Großdeutschen Reiches" legte. Die um die sudetendeutschen Gebiete schon in München verkleinerten "historischen Länder" wurden zum "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren", die Slowakei wurde deutscher Schutzstaat, und die Karpato-Ukraine wurde nach kurzem, tapferem Widerstand von den Ungarn besetzt. Was Hitler als großen, ohne Waffengewalt errungenen Sieg betrachtete, hatte ihm freilich endgültig die Maske des "Einigers aller Deutschen" vom Gesicht gerissen.

Die Macht im Protektorat lag ganz in den Händen des zunächst zum "Reichsprotektor" bestellten früheren deutschen Außenministers Konstantin von Neurath und seiner dem sudetendeutschen Nazi Karl Hermann Frank unterstellten Verwaltung. Die von Anfang an beschränkte Handlungsfähigkeit der tschechischen Protektoratsregierung wurde vollends beseitigt, als deren Premier General Alois Eliás der Verbindung mit der Exilregierung in London beschuldigt und im Herbst 1941 hingerichtet wurde. Hitler setzte nun auf härtestes Vorgehen. Neurath wurde durch den vormaligen Innenminister Wilhelm Frick (dann in Nürnberg zum Tode verurteilt) und seinen Vertreter, den Chef des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich, ersetzt.

Die Nazipolitik war von Anfang an darauf ausgerichtet, die tschechische Intelligenz zu vernichten. Schon im Herbst 1939 wurden Studentendemonstrationen zum Anlass genommen, alle Hochschulen zu schließen. Im Herbst 1941, nach Aufdeckung der konspirativen Kontakte zur Exilregierung und gegen den nach Beginn des Ostfeldzugs einsetzenden kommunistischen Widerstand, verhängte Heydrich den Ausnahmezustand mit einer Welle von Verhaftungen und Hinrichtungen. Am 27. Mai 1942 fiel er einem Attentat von aus dem Exil abgesetzten Fallschirmspringern zum Opfer. Das löste eine Verfolgungswelle aus, wobei in den Dörfern Lidice und Lezaky die männliche Bevölkerung exekutiert wurde. Die Frauen kamen ins Konzentrationslager, die Kinder wurden deutschen Familien zur "Germanisierung" übergeben.

Von Anfang der Okkupation an waren die tschechoslowakischen Juden Ziel der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Ausrottungspolitik. Zunächst aus dem öffentlichen und wirtschaftlichen Leben verdrängt, wurden sie in der ehemaligen k.u.k.-Festung Theresienstadt/Terezin in einem Ghetto zusammengepfercht; die NS-Propaganda stellte darüber sogar einen Film mit dem zynischen Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" her; auch deutsche und österreichische Juden wurden hierher deportiert, ehe die meisten der Bewohner in die Vernichtungslager geschickt wurden.

Aber auch für die Tschechen hatten Hitler und Himmler bereits eine "Endlösung" für die Zeit nach dem "Endsieg" geplant: sie sah die "Umvolkung" von "rassisch geeigneten" Bevölkerungsgruppen, die Aussiedlung der übrigen nach Sibirien und die "Sonderbehandlung" der Intelligenz und "destruktiver Elemente" vor. Hitlers Wortbruch durch die Einverleibung Tschechiens hatte Edvard Benes in London wieder zum Repräsentanten der CSR werden lassen. Nach Kriegsausbruch gründete Benes ein "Tschechoslowakisches Nationalkomitee", das nach der Niederlage Frankreichs in eine Provisorische Regierung umgewandelt wurde. Zunächst waren nach dem Hitler-Stalin-Pakt Pläne über eine künftige polnisch-tschechoslowakische Föderation gewälzt worden, aber nach dem Überfall auf die Sowjetunion setzte Benes ganz auf deren Unterstützung. Schon im Juli 1941 nahm Moskau die Beziehungen zur Benes-Regierung auf, dem folgten wenig später die USA. Die kommunistische Emigration um Klement Gottwald in Moskau, die in der Exilregierung ein Werkzeug des westlichen Imperialismus gesehen hatte, schwenkte auf Versöhnung um.

Mit den im Exil tätigen sudetendeutschen Emigranten, an der Spitze der Sozialdemokrat Wenzel Jaksch, unterhielt Benes nur vage Kontakte. Als nach einer Erklärung des Sowjetaußenministers Molotow (1942), die künftige CSR in den Grenzen von 1937 anzuerkennen, auch London sich frei von allen in München vereinbarten Regelungen erklärte, brach Benes die Beziehungen zu den sudetendeutschen Demokraten überhaupt ab.

Nach der Unterzeichnung eines Freundschaftspaktes mit der Sowjetunion erhielt Benes bei einem Besuch bei Stalin von diesem die Zustimmung für die Aussiedlung aller Sudetendeutschen aus der befreiten Tschechoslowakei. Die Alliierten unterstellten die Tschechoslowakei dem sowjetischen Operationsbereich.

Am 4. April 1945 trat in der ostslowakischen Stadt Kaschau/ Kosice die von Präsident Benes bestellte Regierung Zdenék Fierlinger, eines linken, der KP nahestehenden Sozialdemokraten, mit Klement Gottwald für die tschechischen und Zdenék Nejedly für die slowakischen Kommunisten als Stellvertretern, erstmals auf tschechoslowakischem Boden zusammen. Das Regierungsprogramm war von den Kommunisten geprägt. Es ließ nur fünf Parteien zu: die KP, die Nationalen Sozialisten, die Sozialdemokraten, die katholische Volkspartei und die slowakische Demokratische Partei. Beschlossen wurde weiter der Verlust der Staatsbürgerschaft von Deutschen und Magyaren, "soweit sie nicht Antinazisten oder Antifaschisten waren". Das Programm sah die Nationalisierung der Großbetriebe und der Banken vor. Es legte die Gleichberechtigung der zwei staatskonstituierenden Nationen, Tschechen und Slowaken, fest.

Am 5. Mai 1945 - die Russen standen in Mähren, die Amerikaner im Egerland - brach in Prag ein Aufstand aus; er wurde von den in der Nähe Prags stationierten Wlassow-Soldaten unterstützt. Der Versuch der zunächst überraschten Wehrmachts-und SS-Truppen, ihn niederzuschlagen, löste in der tschechischen Bevölkerung große Verbitterung aus. Die oft grausame Vergeltung traf Gefangene, vor allem aber die Prager Deutschen. Vergeblich hatte Churchill an General Eisenhower telegrafiert, die tschechische Hauptstadt noch vor den Sowjets zu besetzen. Deren Panzerspitzen erreichten am 8. Mai die Stadt, am 9. Mai zog die Regierung Fierlinger dort ein. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe, 10./11. 11. 2001)

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