Nestroy hätte gesagt: "Da hab' i schon gnua!"

12. November 2001, 15:04
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Spektakulär provinziell: Die Gala zur Verleihung des "Nestroy"-Preises

Wien - Gute Nachrichten zuerst:
1.) Wie erwartet, dominierte Peter Zadek am Samstag die Verleihung der Wiener Nestroy-Theaterpreise: Goldstatuetten für die beste deutschsprachige Aufführung, die beste Regie und den besten Nebendarsteller (Peter Fitz) gingen an Zadeks Inszenierung Rosmersholm am Akademietheater; die beste Hauptdarstellerin Judith Engel erhielt den Nestroy für des Großmeisters Deutung von Neil LaButes Bash an den Hamburger Kammerspielen.

2.) George Tabori wurde für sein Lebenswerk gerühmt und mit einer charmanten Laudatio von Angelica Domröse bedacht. Leider konnte Tabori krankheitsbedingt nicht zur Gala im Wiener Volkstheater anreisen. In einer Videozuspielung bedauerte der 87-Jährige, überhaupt aus Wien abgereist zu sein. Das Galapublikum sah das auch so.

3.) Christoph Ransmayr, der für Die Unsichtbare den Autorenpreis erhielt, kündigte an, nicht mehr für das Theater schreiben zu wollen. Nicht wenige Menschen, und darunter auch solche, die ihn als Prosaautor schätzen, sehen das als ein Versprechen.

Und jetzt die unerfreulichen Details zu dieser erschreckend langweiligen, von Wiener Selbstbeweihräucherung getragenen Veranstaltung, frei nach dem Motto "Oscar-Imitation für Arme":

1.) Was heißt hier eigentlich "deutscher Sprachraum"? Schon von manchen Mitgliedern der Kritikerjury, die die Vorauswahl trafen, ist zu befürchten, dass sie nicht alle relevanten Produktionen gesehen haben. Ganz sicher trifft dies aber für die Kainz-Medaillen- und Nestroy-Ring-Träger sowie die Mitglieder des Wiener Bühnenvereins und der Bundesländer-Bühnen zu: Worüber können diese Damen und Herren guten Gewissens wirklich abstimmen?

2.) Preiskuverts muss man - siehe Oscar - versiegeln, nicht zukleben. Der Kampf der Laudatoren ohne Brieföffner war ebenso kläglich anzusehen wie die großmannssüchtigen TV-Kameraflüge durch das Volkstheater, die Ereignischarakter vermitteln sollten.

3.) Dass eine Bank, die Erste, sich als Sponsor fürs Theater stark macht, ist schön. Nur sah man an diesem Abend mehr Bank-Logos als Theater. Und vielleicht wäre überhaupt Sponsoring zuerst einmal für Theaterproduktionen sinnvoll: Grischka Voss und Ernst Kurt Weigel vom bernhard ensemble, ausgezeichnet für die "beste Off-Produktion" Hain - sie erklärten, dass der erstmals mit 100.000 Schilling dotierte Preis sie einmal mehr vor dem Untergang bewahrt habe.

100.000 Schilling kosteten an diesem Abend vermutlich allein die Herren- und Damenspenden: ein Symptom für eine Oberflächen-Kulturpolitik, die an kreativer Arbeit weniger interessiert ist als an PR-Tauglichkeit.

Weitere Nestroys gingen an Sven-Eric Bechtolf (bester Hauptdarsteller in Drei Mal Leben am Akademietheater), Mareike Seidl (bester weiblicher Nachwuchs, in Grübers Roberto Zuccho), Georg Staudacher (männlicher Nachwuchs, inszenierte Café Tamagotchi im Rabenhof) und den Bühnenbildner Martin Zehetgruber (für Glaube und Heimat an der Burg).
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 11. 2001)

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