Ein Bruderkrieg auf Kreta

10. November 2001, 00:13
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Rhea Galanaki über den alten Konflikt zwischen Orient und Okzident

Ein kleiner griechischer Bub gerät in Kriegsgefangenschaft, wird nach Ägypten gebracht und nimmt den islamischen Glauben an. Er steigt zu höchsten militärischen Würden auf und muss im Herbst seines Lebens gegen die eigenen Landsleute, die von seinem Bruder finanziell unterstützt werden, Krieg führen.

Was die griechische Autorin vorführt, ist ein klassischer Konflikt zwischen Identität und Loyalität. Sie tut dies anhand der großteils fiktiven Biografie eines Mannes, von dem wenig gesicherte Daten erhalten sind. Ismail Ferik Pascha stammte aus Kreta, das zu Beginn des 19.Jahrhunderts von den Osmanen annektiert wurde und das fortan auch für die sich einmischenden europäischen Mächte ein Zankapfel blieb. Man stellte sich auf die Seite der Hellenen und gegen die Osmanen - und betrieb auch damals schon über die Presse gelenkte Kriegspropaganda.

Arabeskenhaft und mit vielen schillernden Details nähert sich Rhea Galanaki einer vagen historischen Gestalt; oft fühlt man sich an die schwelgerischen und exotischen Bilder eines Ingres erinnert. Voll orientalischer Fabulierlust mischt sie den Realismus der Kriegsgräuel mit phantastischen Figuren, lässt der Introspektion viel Raum und führt die diversen Nationalismen ad absurdum. Für Ferik Pascha wiederholt sich bei dem Feldzug auf Kreta seine Kindheit, nur dass er jetzt auf der Seite jener steht, die einst seine Familie massakriert und ihn und seinen Bruder in die Gefangenschaft verschleppt hatten. Er sieht sich selbst immer wieder im Widerstreit zwischen den Mentalitäten des europäischen liberalen Bürgers und dem - wie ihm scheint - schicksalsergebenen, passiven Orientalen.

Ferik Pascha hatte schließlich mit seinem Gebieter das aufgeklärt, moderne Europa bereist und war begeistert von den technischen und zivilisatorischen Errungenschaften - bis er auch die Schattenseiten dieser Gesellschaft bemerkt hat: die Armut. Dies klingt alles durchaus aktuell, aber Rhea Galanaki tappt nicht in die Falle vordergründiger tagespolitischer Parallelen; Ferik Pascha kann sich seiner Identitätskrise schließlich nicht entziehen, der Konflikt bleibt tragisch und unlösbar. Für den heutigen Leser sind die konkreten historischen Kämpfe zwischen Osmanen und Hellenen freilich sehr weit weg. Die Schlachten und Gemetzel, die Überfälle und Ränke wirken mehr als unüberschaubar. Eine chronologische Tabelle mit Eckdaten zur Geschichte wäre hilfreich gewesen, um sich in der überbordenden Fülle von Fakten und Fiktionen zu orientieren.

( Von Ingeborg Sperl - DER STANDARD, Album, Sa./So. 10./11.11.2001)  

Rhea Galanaki, Das Leben des Ismail Pascha
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger.
Suhrkamp, Frankfurt/Main 2001.

Hinweis: Vom 14. bis zum 16. November finden im Wiener Literaturhaus unter dem Titel "Kult und Erinnerung" griechische Literaturtage statt. Es lesen Fotini Tsalikoglou, Nikos Papandreou (14. 11.), Rhea Galanaki und Alexis Panselinos (15.11.) aus ihren Werken, der 16.11. steht im Zeichen einer Hommage an Nikos Kavvadias (1910 - 1975). Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 20 Uhr. Infos unter www.literaturhaus.at

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