Poesie als Antrieb

9. November 2001, 23:54
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In Éric Holders Roman wird gelebt, geliebt und gelitten

Die Brieffreundin heißt der Roman des Franzosen Éric Holder, und auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass die Brieffreundin, um die es hier geht, 47 Jahre alt ist, der Adressat der Briefe jedoch um einiges jünger. Eine schöne Ausgangsposition, die Lust auf den Rest des Buches macht. Allerdings mit bitterem Beigeschmack: Die Abbildung auf dem Cover zeigt eine ungefähr 20-jährige Frau. Diese plumpe Keilerei nach genau den falschen Lesern, basierend auf einer primitiven Verpackungslüge, ist wirklich widerlich. Vor allem, weil der Reiz des Verhältnisses, das sich zwischen dem Protagonisten (Schriftsteller, verheiratet, Name: Éric Holder) und seiner Verehrerin (Geneviève Bassano, verheiratet, "Ich gehöre zu den Frauen, deren Kapital verheißungsvoll ist") entspinnt, in erster Linie auf den Altersunterschied zurückzuführen ist.

Die vermeintliche Mogelpackung stellt sich dann als solide gearbeitete Chronik einer unerhörten Beziehung heraus. Der Protagonist macht einiges durch. Zuerst die Qual des Wartens auf den Briefträger, dann das erste Kennenlernen bei einer eigens organisierten Autorenlesung in "Saint-V."- der schwer trinkende Autor und die schwerst verzauberte Managergattin trinken Bier und haben Spaß. Bald verbindet ein merkwürdiges, dichtes Gefühlsgestrüpp die beiden Liebenden.

Gespräche über Eugénio de Andrade, Portwein und Oliven auf Zahnstochern, aber auch eine Menge klassisch italienischer vergogna sind die Ingredienzien zur unmöglichen Leidenschaft. Holder (der Autor des Romans) zeichnet Holder (den Autor im Roman) liebevoll als etwas schrägen Eigenbrötler mit Schlagring in der Umhängetasche und mit jäh aufflammenden Entzugserscheinungen, sobald der Scotch ausgeht. Nebenbei wird philosophiert, geliebt und gelitten. Die Verbindung von Holder zu seinem aus dem Nichts auftauchen den Provinzfreund ist schicksalsschwer beladen und handlungsverzögernd, auch das permanente Pathos beeinträchtigt das Lesevergnügen. Pragmatiker werden bei 200 Seiten Éric Holder, der Éric Holder beschreibt, schlichtweg an die Decke gehen, romantischere Seelen könnten sich unter Umständen auch faszinieren lassen.

Als Beschreibung französischer Provinzwelten ist Die Brieffreundin unübertroffen, als Novelle bemüht es sich erfolgreich um einen eigenen Ton. Wer den Weg mitgehen will, wer für unzählige kleine Manierismen etwas übrig hat, wer reine Poesie als Antrieb für eine etwas dekadente Liebe akzeptiert, wer sich für die Welt der französischen Erwachsenen interessiert, dem sei dieses Buch empfohlen.

(Von Martin Amanshauser - DER STANDARD, Album, Sa./So. 10./11.11.2001)  

Éric Holder, Die Brieffreundin.
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl.
öS 291,-/EURO 21,15/192 Seiten.
Pendo, Zürich 2001.
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