Die ewige Zuschauerin

10. November 2001, 22:50
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Ein Interview mit drei Souffleusen - Anlass: Christoph Ransmayrs Nestroypreis für "Die Unsichtbare"

Christoph Ransmayr erhielt am 10. November für sein Bühnenstück "Die Unsichtbare", dessen Protagonistin eine Theatersouffleuse ist, den Nestroypreis. Aus gegebenem Anlass traf Petra Rathmanner drei Souffleusen zu einem Gespräch über ihren Beruf und den Theaterbetrieb.

Das Herz klopft dabei immer bis zum Zerspringen. Die Hände beginnen zu schwitzen, der Kopf wird heiß, die Stimme steckt wie ein Kloß im Hals und Panik macht sich breit: Einsagen oder nicht einsagen, das ist die Frage, die im Bruchteil einer Sekunde, die einem gerade dann wie eine Ewigkeit vorkommt, entschieden werden muss. Ohne übertreiben zu wollen, wer einflüstert erlebt genauso ein Wechselbad der Gefühle wie derjenige, der hängt. Jeder kann das bestätigen, der einmal in der Schule einem anderen in Prüfungsnot mit Geflüster beigestanden hat. Jemandem wispernd zu helfen ist ordentlich anstrengend, man leidet mit und fühlt sich hilflos bis dorthinaus. Gelingt das Manöver, stellt sich komplizenhafte Freude ein, misslingt es, muss der Hilfsbereite zu allem Überdruss noch damit rechnen, angeblafft zu werden. Und irgend etwas geht meistens daneben: Zu spät, zu früh, zu leise, zu laut - innerhalb dieser flirrenden Koordinaten bewegt sich der Einflüsterer.

Souffleusen erleben das Abend für Abend. "Es ist schrecklich," sagt Berngard Knoll, die seit über zehn Jahren am Burgtheater souffliert, "es verlangt eine ungeheure Konzentration, wenn du eine Sekunde nicht aufpasst, passiert genau dann der ,Hänger' des Abends." "Ich habe dann das Gefühl, als wäre ein Spot auf mich gerichtet und als ob mich alle im Theater hören könnten," ergänzt Kollegin Evelin Stingl, seit neun Jahren Souffleuse. "Zum Glück kommt es nicht oft vor," meint Isolde Friedl, die seit über zwanzig Jahren mit dem Textbuch auf den Knien im Dunkeln sitzt; zuerst an der Berliner Schaubühne, jetzt am Wiener Burgtheater.

Während einer Vorstellung zählt ja auch die Kunst, sich mit dem Einsagen zurückzuhalten. Oft löst sich eine Textblockade besser auf, wenn sich die Schauspieler gegenseitig weiterhelfen. Nicht zu unrecht wird behauptet, dass der Hänger der Bruder des Ausdrucks sei. Vorsicht ist allerdings bei jenen Schauspielern angebracht, die besonders leidenschaftlich gegen das Soufflieren wettern - sie brauchen die Unterstützung meist am dringendsten und neigen dann zu so skurrilen Vereinbarungen wie: "Souffliere nur, wenn ich dreimal mit dem Fuß stampfe!"

Trotzdem gibt es wohl keinen, der nicht irgendwann dankbar den Rettungsanker der Souffleuse ergriffen hätte. Sie ist der Schutzengel der Vergesslichen, sitzt in ständiger Bereitschaft in der Loge, der ersten Zuschauerreihe oder in einer der hinteren Bühnengassen. Einfach zu wissen, dass sie da ist, übt auf viele Schauspieler eine ähnlich beruhigende Wirkung aus wie das Sicherheitsnetz für einen Seiltänzer.

Der allabendliche Nervenkitzel macht nur einen geringen Teil der Soufflierarbeit aus, das Gros liegt in der Begleitung der Proben. Von der ersten bis zur letzten Minute sind sie dabei, erleben jede Entwicklung, alle Höhen und Tiefen. "Das ist das Tolle an der Arbeit, dabeizusein, wie etwas Neues entsteht," gesteht Evelin Stingl. Isolde Friedl fasziniert es vor allem, wenn sie "die Geheimnisse eines Schauspielers mitbekommt". Regisseur Georg Schmiedleitner schätzt die Souffleuse als "erste Zuschauerin und Seismograf für die Stimmigkeit einer Szene." Eine Souffleuse hat immer auch etwas von einer Voyeuse, oder wie es ein Regisseur einmal zugespitzt formuliert hat: "Sie sind mit im Schlafzimmer, wenn eine Inszenierung gezeugt wird."

Diese intime Situation fordert der Souffleuse viel ab: Sensibilität, Offenheit, eine ruhige Ausstrahlung, Gefühl für Sprache und außerordentliche Konzentrationsfähigkeit. Burgschauspieler Robert Meyer sagt unverblümt, was für ihn wichtig ist und dringt damit in den Kern der Kunst des Einflüsterns vor: "Eine gute Souffleuse spürt, wo der Schauspieler eine beabsichtigte Kunstpause macht und wo er definitiv hängt."

Ist das so? So einfach dann doch nicht. Wie könnten sie es auch wissen, wenn sich der Schauspieler oder der Regisseur selbst oft unsicher sind, weil sie mit dem Text experimentieren und nach einem Ausdruck suchen. "Im Grunde sucht man ja immer, bis zur Premiere, und kommt fast nie an," sinniert Isolde Friedl. Nichts leichter als mitten in diesem sicherlich erschöpfenden Prozess das eigene Unbehagen in ein bis zum Bersten wutentbranntes "Soufflösää!" zu entladen. Unversehens wird die Souffleuse zur personifizierten Panne und sie ist plötzlich an allem schuld. Das ist jeder schon einmal passiert. Darüber spricht keine gern. Mit solchen Kränkungen umgehen zu lernen, fällt nicht leicht. "Es ist ein Lernprozess", meint Berngard Knoll, "man darf es nicht persönlich nehmen". "Es ist menschlich," erklärt Evelin Stingl, "aber man muss sich auch wehren." "Man muss ordentlich schlucken können," sagt Isolde Friedl, "ich habe gelernt, sachlich zu bleiben, nicht emotional zu reagieren, auch wenn ich benutzt werde. Ich bin Buddhistin. Vielleicht hängt das auch ein wenig mit meinem Beruf zusammen."

Eine geradezu buddhistische Gelassenheit wird von ihnen erwartet, sie sind dazu verdammt, im Hintergrund zu bleiben, innerhalb der Theaterhierarchie sind sie weit unten angesiedelt und viele Theatermacher hängen dem altbackenen Klischee nach, dass die Souffleuse so etwas wie Mutter des Ensembles sei, die für jedes Zipperlein der empfindsamen Künstlerseele ein offenes Ohr hat.

Wie ergreift man diesen doch etwas undankbaren Beruf? "Zufall," meint Berngard Knoll. "Souffleuse ist kein Berufswunsch. Das wird man einfach," ergänzt Evelin Stingl. Warum sie dabei bleiben? "Theater ist ein Zugang zu einer anderen Welt, zu einem anderen Leben, das man selber nicht führt," so Evelin Stingl. "Es ist ja nicht die Wirklichkeit," sagt Isolde Friedl lächelnd, "es ist nur Theater." (DER STANDARD, Album, Sa./So. 10./11.11.2001)  

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