"Warum rülpset und forzet Ihr nicht ...?"

10. November 2001, 12:00
posten

Das kennen wir ja von Martin Luther - doch mittelalterliche Tischsitten sollen viel nobler gewesen sein

"Warum rülpset und forzet Ihr nicht - hat es Euch nicht geschmacket?" - so wird Martin Luther zitiert, wenn er seinen Pflichten als Gastgeber nachkam. Mag sein, dass sich an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit die Gepflogenheiten geändert hatten - vielleicht sitzen wir heute aber auch weitgehend Klischees über die damalige Esskultur auf. Denn kurz vor seiner Ära hätte Luther mit derartigem Gebaren nicht reüssieren können: im Mittelalter sollen die Tischsitten entgegen anderslautender Vorurteile deutlich "feiner" (aus heutiger Sicht) gewesen sein, als vielfach bekannt ist.

Ab etwa 1200 galten zum Beispiel Verbote für lange Fingernägel, das Wegwerfen von Abfällen unter den Tisch, Schnäuzen mit der Hand, Kratzen, Spucken, Zähnesäubern mit der Messerspitze und das Abschlecken der Finger. Dies schreibt die aus Wilhelmshaven stammende und heute in Australien lebende Historikerin Maike Vogt-Lüerssen in ihrem im Verlag Ernst Probst erschienenen Buch "Der Alltag im Mittelalter".

Couscous-System

Damals wurde selbst in vornehmer Gesellschaft noch mit den Fingern gegessen. Man teilte sich mit Nachbarn den Löffel und das Trinkgefäß und nahm Fleischstücke aus der gemeinsamen Schüssel oder dem großen Topf. Deswegen wurde das öffentliche Händewaschen vor und nach dem Essen eingeführt. Die feineren Tischsitten wurden zunächst nur von Adligen, später aber auch von Bürgern und Bauern beherzigt.

Verpönt war es vor rund 800 Jahren auch, die Ellbogen auf den Tisch zu legen und Knochen mit den Zähnen abzunagen oder mit Fingernägeln zu bearbeiten. Unklar blieb, womit man den fettigen Mund vor dem Benutzen des gemeinsamen Trinkgefäßes säubern sollte. In einigen Tischregeln wurde für solche Situationen vorgeschlagen, sich des überhängenden Tischtuches zu bedienen, damit jedoch nicht die Zähne zu reinigen und sich auch nicht hineinzuschnäuzen. Andere Tischregeln wiederum forderten dazu auf, den Mund mit der Hand abzuwischen. Mit seiner eigenen Kleidung reinigte man nicht nur fettige Finger und den schmutzigen Mund, sondern putzte man bei Schnupfen auch die Nase. Servietten, die es bereits in der Antike gegeben hatte, wurden allerdings erst im 15. Jahrhundert wieder entdeckt. (APA/red)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.