Das Kalkül und das Chaos

9. November 2001, 19:24

Die Attacken des 11. September kamen zwar im wahrsten Sinn des Wortes aus blauem Himmel, doch völlig unerwartet waren sie nicht. Obwohl ihre Heimtücke und grausige Perfektion Amerika und der ganzen Welt den beabsichtigten Schock verpasst haben, beschäftigen sich viele Autoren seit Jahren mit der Analyse neuer Bedrohungsbilder. Vieles wurde vorausgeahnt - nur eben leider nicht in der Bestimmtheit, die notwendig gewesen wäre, um die Attentate zu verhindern. Man hielt, um ein Bild zu verwenden, das in den ersten Tagen nach den Attentaten mehrfach von den Geheimdiensten bemüht wurde, die Steine eines Puzzles in Händen, wusste aber nicht, wie man dieses Puzzle zusammensetzen musste.

Ein namhafter Mahner ist Anthony Lake, ehemals Sicherheitsberater von Bill Clinton, jetzt Professor an der Georgetown-Universität in Washington. Lake hat in dem 2000 erschienenen "Six Nightmares" schauerliche Sicherheits-Albträume vorausgeträumt. Lakes - sehr präzise beschriebenen - Schreckensvisionen beschäftigen sich mit Massenvernichtungswaffen, mit E-Terror und E-Crime, mit einer sich zersetzenden Staatenwelt, die gleichsam nach unten hinweg ins Nichts verrieselt und enorme Destruktionskräfte auf "subkonventioneller" Ebene freisetzt. Zu Recht bezeichnet Lake die transnationale Kriminalität als "heimliche Krise": Die pittoresken Sittenschilderungen aus dem Inneren der russischen Mafia, die in den ersten Jahren nach 1989 medial en vogue waren, sind mittlerweile kein Thema mehr - aber die Mafia ist geblieben und prosperiert in unheiligen Allianzen mit "verunglückten Staaten" und Terroristen.

In der Warnung vor einer "ambiguous warfare", einer verschwommenen, mehrdeutigen Kriegsführung darf sich Lake durch die Ereignisse der vergangenen Wochen voll bestätigt sehen: Anders als in den Kriegen der Vergangenheit, wo man (meist) wusste, wer der Feind war, wird in den Kriegen der Zukunft die Unsicherheit (etwa über die Identität terroristischer Akteure) ein konstitutives Moment sein. Nicht minder fatal könnte sich für die USA - und auch die europäischen Staaten - eine Verzettelung in friedenserhaltende Missionen auswirken, der man nur durch eine exakte - und damit schwierige - Formulierung dessen, was man eigentlich erreichen will, entgegenwirken kann. Anders als manche republikanischen Hardliner ist Lake freilich der Überzeugung, dass an einem wohl dosierten Einsatz solcher Missionen kein Weg vorbeiführen wird.

Lakes letzter Albtraum leitet aus dem Bereich offenkundiger Horrorszenarien in den des subtileren Terrors über. Wohl noch unter dem Eindruck der Lewinsky-Affäre, die Washington streckenweise völlig lahm legte, warnt er vor einer Zersetzung der politischen Kultur durch den Zynismus mancher Staatsakteure, die im Zynismus der Medien ihre unheilvolle Verlängerung findet.

Retrospektiv, und wenn man sie in Bezug zu den Bedrohungen setzt, die sich im Hintergrund zusammenballten, wirken die Seifenopern um Bill Clinton oder den Kongressabgeordneten Gary Condit, die monatelang unglaubliche Ressourcen banden, noch grotesker als zuvor. Diese Verfallserscheinungen politischer und medialer Kultur könnten sich als tödliche Gefahr erweisen. In Lakes Worten: "Die Gesundheit jeder Demokratie hängt von ihren politischen Sitten ab, von jenem Bindemittel, das Emersons ,ohrenbetäubenden Tumult' einer offenen, intakten Gesellschaft zusammenhält. Der größte aller Albträume könnte eine noch stärkere Erosion des demokratischen Grundverständnisses sein, das uns schon durch viel größere Krisen in der Vergangenheit gebracht hat."

Terror ist ein Thema, von dem gerne in alarmistischen oder gar apokalyptischen Tönen gesprochen wird. Damit, so würde Philip Heymann wohl hinzufügen, besorgt man das Geschäft der Terroristen. Denn deren Ziel ist es gerade, Emotionen - Angst, Hass, Wut - zu schüren und den klaren Kopf mit sich selbst in Widerstreit zu bringen. Einziges wirksames Gegengift ist ein sachlich-abwägender Umgang mit den Kampfmitteln, die einem demokratischen Staat zur Disposition stehen - und nichts ist schädlicher als aus Gefühlsaufwallungen geborene Überreaktionen. Nur das Kalkül hilft gegen das Chaos: Diesen Gedanken führt Heyman mit all der Nüchternheit aus, zu der ein Rechtsprofessor in Harvard und ehemaliger stellvertretender US-Generalstaatsanwalt fähig ist.

Nach einer "silver bullet", einem Patentrezept gegen den Terrorismus, wird man vergebens suchen. Gefragt ist vielmehr eine Kombination verschiedenster Maßnahmen auf verschiedensten Ebenen - präventive und gerichtliche, geheimdienstliche und im Äußersten Fall auch militärische: Das Für und Wider dieser Optionen dekliniert Heymann im Detail durch. Wie schwierig der Umgang mit terroristischen Aktionen sein kann, zeigt Heymann mit einer Fallstudie über die Entführung der Achille Lauro auf, wo die unterschiedlichen Interessen der in das Geschehen involvierten Staaten die Arbeit enorm verkomplizierten. Mit seiner klaren Struktur und Aussage empfiehlt sich Heymanns Buch als kleiner, aber feiner Beitrag zu einem komplizierten Thema.

Einer, der weiß, was biologischer Terror bedeutet, ist der Amerikaner Ken Alibek. Als er noch Sowjetbürger war, hieß er Kanatjan Alibekov und war in führender Position eines klandestinen UdSSR-Biowaffenprogrammes tätig. 1999 hat Alibek, der 1992 in die USA überwechselte und ein geschlagenes Jahr lang vom Geheimdienst abgeschöpft ("debrieft") wurde, seine Biowaffen-Erfahrungen in einer Art Arbeitsbiografie zusammengefasst.

"Biohazard" ist so erschreckend wie das Bild, mit dem es beginnt: Auf einer entlegenen Insel im Aralsee detoniert über hundert in mehreren Reihen hintereinander angeketteten Affen eine Granate und gibt ein senfgelbes Pulver frei, das langsam auf die schreienden und zu Tode verängstigten Tiere herniedersinkt. Von einer nahen Warte beobachten Wissenschafter in Schutzanzügen die Agonie der Affen und machen sich emsig Notizen über die Wirkungen des verschossenen Giftes: Willkommen in der heimeligen Welt der Biowaffenproduktion.

Obwohl sich die Sowjets und die Amerikaner seit den 20er- und 30er-Jahren mit diesem erschreckenden militärischen Zweig intensiv beschäftigten, litten die sowjetischen Waffenschmiede lange daran, dass die Gentechnik, mit der sich Bakterien und Viren erst so richtig scharf machen lassen, als "bourgeoise Wissenschaft" in Misskredit geraten war. Erst Anfang der 70er-Jahre wurde ihr dieses Attribut aberkannt, und in den politisch-militärischen Kreisen kam der Verdacht auf, dass man gegenüber den Amerikanern ins Hintertreffen geraten sein könnte. So kam es zu einer ironischen Ungleichzeitigkeit: Als die Amerikaner unter Nixon ihr biologisches Waffenprogramm weitgehend auf Eis legten, fingen die Russen mit dem ihren eben erst an. In das komplizierte Organigramm von Ministerien, Parteiapparat und Militär wurde eine Zivilfirma namens "Biopreparat" eingelagert, hinter deren Fassaden zwei Jahrzehnte lang auf Teufel komm raus daran gearbeitet wurde, Pest, Pocken, Cholera, Anthrax und was es sonst noch gibt an Plagegeistern, waffenfähig zu machen.

Die einzige leidlich tröstliche Lehre, die sich aus Alibeks Buch ziehen lässt: Zur Verfertigung von Biowaffen reicht Heimbastelei nicht aus, sondern sie erfordert ein immenses Know-how. Leider wurde dieses Know-how auch erfolgreich dazu verwendet, "verbesserte" Formen der Pest und von Anthrax zu verfertigen.

Skrupel, die die beteiligten Spitzeningenieure zeitweilig erfassten, waren für diese erträglich, weil sie für sowjetische Verhältnisse blendend entlohnt und zudem auch fest der Überzeugung waren, dass die finale Auseinandersetzung mit den USA unmittelbar bevorstehe. Nicht wenige der Waffenmacher bezahlten ihre Arbeit mit dem Leben. Ein Zwischenfall, bei dem 1979 in der Biopreparat-Filiale in Sverdlovsk Anthraxsporen austraten, tötete Dutzende Menschen (und sorgte für massive Irritationen zwischen USA und UdSSR).
Heute arbeitet Alibek wie zur Sühne für sein morbides berufliches Vorleben für eine US-Privatfirma, die sich mit der Prävention bioterroristischer Anschläge beschäftigt. Keine leichte Aufgabe, weil potenzielle Terroristen auf ein reichhaltiges Arsenal von Krankheitserregern zurückgreifen können, und selbst wenn jedermann gegen Pocken immunisiert werden könnte, gäbe es noch genug anderes in der Pandorabüchse. Alibek spricht sich daher dafür aus, die Forschungen vor allem auf der Ebene der unspezifischen Immunabwehr voranzutreiben.

In mancher Hinsicht das US-Gegenstück zu Alibeks Enthüllungen ist das Biowaffen-Buch Germs. Die Autoren, drei lang gediente Reporter der New York Times, hatten das makabre Glück, dass ihr Buch just zum Auftakt der jüngsten Terrorserie erschienen ist und für Werbung somit reichlich gesorgt war. Eine der Autorinnen, Judith Miller, zählte zu den Empfängerinnen eines Anthrax-Briefs.

Germs ist eine prall mit Fakten beladene Geschichte der biologischen Waffenproduktion, von den kruden Fünfzigerjahren, als das US-Militär noch zu Studienzwecken (mild pathogene) Keime in New York und San Francisco unter die Leute brachte, bis herauf zu den gentechnisch aufmunitionierten Versuchen der Gegenwart, die ultimative Biowaffe oder den ultimativen Schutzschild zu kreieren. Alle relevanten Stationen auf diesem Weg werden in großer Detailfreude geschildert, von den erwähnten sowjetischen Programmen über das geheimnisumwitterte Arsenal von Saddam Hussein, die sonderbaren Experimente der japanischen Aum-Sekte oder die Versuche von Iran und Nordkorea, sowjetische Spitzenwissenschafter für ihre Zwecke anzuwerben.

An der vordersten, aber den Augen der Öffentlichkeit gleichwohl verborgenen Front stellt sich der Biowaffen-Krieg für die Autoren heute als ein unheimliches Duell dar: zwischen im Dunkel agierenden Waffenproduzenten, die mit gentechnischen Mitteln das maximale Vernichtungspotenzial von Bakterien und Viren ausschöpfen wollen, und Verteidigungskräften wie etwa der weithin unbekannten US-Regierungsinstitution DARPA, die sich mit einem Milliarden-Dollar-Budget damit beschäftigt, völlig unkonventionelle Gegenstrategien gegen Bioattacken auszuhecken. []

Anthony Lake, Six Nightmares. Real Threats in a Dangerous World And How America Can Meet Them. Back Bay Books, Boston 2001. öS 244,-/EURO17,75/318 Seiten.
Philip B. Heymann, Terrorism and America. A Commonsense Strategy for a Democratic Society. Massachusetts Institute of Technology Press, Cambridge (Mass.) 2000, öS 138,-/EURO10,05/180 Seiten.
Ken Alibek with Stephen Handelman, Biohazard. Random House New York N.Y., (Delta Paperbackausgabe, 2000), öS 214,-/EURO15,55, (dt. Direktorium 15. Rußlands Geheimpläne für den Biologischen Krieg. Econ 1999).
Judith Miller, Stephen Engelberg, William Broad, Germs. Biological Weapons and America's Secret Wars, Simon and Schuster, öS 414,-/EURO30,10/382 Seiten, New York 2001.

Einige empfehlenswerte US-Publikationen zum Thema Terrorismus. Von Christoph Winder
Share if you care.