Willkommen im freien Markt - von Martina Salomon

9. November 2001, 20:46
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An den Universitäten wird jetzt gelernt, mit Studiengebühren zu leben

Blockieren Studiengebühren den Unizugang für Ärmere und Frauen, wie SPÖ und die Hochschülerschaft behaupten? "Bildung wird wieder eine Frage des elterlichen Geldbeutels", heißt es in einem ÖH-Brief, der kürzlich an alle Eltern von Studenten versendet wurde mit der Aufforderung, das Bildungsvolksbegehren zu unterzeichnen.

Kein Grund zur Panik, kontert hingegen die ÖVP: Viel mehr Studierende als vorher - in Summe ein Viertel aller Hörer - hätten nunmehr Anspruch auf Beihilfen. In Wirklichkeit seien die Zahlen nur um die Scheinstudenten bereinigt.

Die Unis wiederum melden teilweise dramatischere Rückgänge als das Ministerium, beeilen sich aber zu betonen, dass die Hörsäle gleich voll sind wie immer.

Und wer um Himmels willen hat jetzt Recht? Offenbar spielt derzeit jeder sein eigenes Spiel mit dem Zahlenmaterial: Bildungsressort und ÖVP, um zu beschwichtigen. Opposition und ÖH, um ihr Volksbegehren zu pushen. An den Unis wiederum fürchtet man, dass die gesunkenen Zahlen zu weiterer Drosselung des Geldflusses führen könnten.

Fest steht: Es gab in Österreich seit Jahren eine statistikverzerrende Anzahl von so genannten Scheinstudenten. Nun wird - wie an den meisten internationalen Universitäten üblich - eine Art "Schutzgebühr" eingehoben. Das Argument, dass die arme Bergbauerntochter mit vier Geschwistern jetzt nicht mehr studieren kann, stimmt nicht: Sie wird ein Stipendium erhalten.

Auch das Jammern, dass untere soziale Schichten im Zweifel nun eher die Buben als die Mädchen studieren lassen, scheint falsch zu sein: Die Zahl der Studentinnen liegt nach wie vor deutlich über jener der Studenten. Darüber hinaus sind von den Rückgängen mehr Männer als Frauen betroffen. Was diesen Punkt betrifft, waren weibliche Studenten vielleicht schon immer korrekter und haben weniger als ihre Kollegen nur zum Schein oder wegen diverser Begünstigungen inskribiert.

Dennoch sind die Gebühren ohne Zweifel - etwa für Eltern, deren Kindern nicht den für Stipendien geforderten Studienfortschritt bewältigen - eine neue Belastung. Unter den Studentengruppen sind zwei besonders negativ betroffen: erstens jene, die arbeiten gehen (müssen), um sich ihr Studium zu verdienen beziehungsweise, um nach Studienabschluss eine Praxis vorweisen zu können. Zweitens jene Hörer, die aufgrund schlechter Organisation oder Überforderung ihres Institutes am Studienfortgang gehindert werden. Letztere werden wohl ihre Gebühren irgendwann einmal einklagen und auch Recht bekommen.

Kann man für den jetzigen Zustand der Universitäten überhaupt Gebühren verlangen? Für viele Unis gilt, was der ehemalige Stadtschulratspräsident Kurt Scholz kürzlich in einem Kommentar über Schulen gesagt hat: Das System werde mehr kaputtgeredet als kaputtgespart. Doch teilweise hat sich der Gratiszugang zu den Universitäten in den Köpfen aller Betroffenen festgesetzt und Schlendrian, Unzuverlässigkeit und Beliebigkeiten aller Beteiligten erzeugt.

Schon heuer bemerke man, dass sich Studenten eher für ein Fernbleiben von Seminaren entschuldigen, als dies früher der Fall gewesen sei, sagen Lehrende. Es ist zu hoffen, dass dies auch auf das Lehrpersonal zutrifft. Allerdings ist dessen Motivation derzeit nicht unbedingt auf dem höchsten Stand: Einsparungen im Personalbudget an den Universitäten könnten dazu führen, dass künftig Leistungsprämien (wie etwa Prüfungstaxen) eingeschränkt werden. Gleichzeitig verdienen junge Assistenten beispielsweise in der Medizin weniger als früher. Durch zahlreiche Reformen ist das ganze universitäre System etwas aus dem Lot geraten.

Die jetzigen Studiengebühren sind verkraftbar. Sie wurden auch vor dem Herbst 2001 schon ohne Murren bezahlt: für Lehrgänge und diverse Fachhochschulen, und zwar viel mehr als 5000 Schilling je Semester. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10./11.11.2001)

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