Chinas eleganter Kronprinz ohne Feinde

9. November 2001, 21:00
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Hu Jintao auf Europareise

Seit der 58-jährige Hu Jintao bei seiner Europareise von der britischen Königin in privater Audienz im Buckingham Palast empfangen wurde und im Rampenlicht der Fernsehkameras stand, verfängt das von Diplomaten in Peking erfundene Sprachspiel über Chinas neuen Führer nicht mehr. "Who's Hu?", hatten sie 1998 gescherzt, als er zum Vizepräsidenten des Staates und danach zum Vizearmeechef ernannt wurde. Nicht einmal Chinesen wussten eine Antwort.

Während Hu sich zurzeit in Europa als Kronprinz vorstellt, hatte er seine Bewährungsprobe in China im Mai 1999, während des Kosovokriegs in Europa: Zwei Tage nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad und Massenprotesten vor der US-Mission in Peking schickte die Führung Hu vor. Die Regierung unterstütze Demonstrationen, lautete seine Botschaft, doch die Studenten sollten es nicht übertreiben. Es war das erste Mal, dass die meisten Bürger den in Ostchinas Provinz Anhui geborenen, dialektfrei redenden Hu im Originalton hörten.

Mit ihm kommt Chinas vierte Generation der 50- bis 60-Jährigen an die Macht, wenn der 75-jährige Staats- und Parteichef Jiang Zemin zuerst beim 16. Parteitag im Herbst 2002 sein Partei- und 2003 dann sein Staatsamt nach zweimaliger Wiederwahl verfassungsgemäß aufgibt.

Hu gilt als jemand, der sich wenige Feinde gemacht hat und nicht erkennen lässt, wofür er eigentlich steht. Als Technokrat und Parteifunktionär hat er eine Bilderbuchkarriere gemacht, die viele Förderer hatte. Er studierte an der naturwissenschaftlichen Qinghua-Universität, der Kaderschmiede der Pekinger Führung. Er trat 1964 der Partei bei, graduierte 1965 als Hydraulikingenieur, baute an zwei Dämmen mit. Schon 1982 kam er mit 39 Jahren ins ZK. Zwei Jahre später war er auch noch der jüngste Vorsitzende des Jugendverbandes.

Trotz aller Ämter wurde der in gut sitzenden Anzügen und mit modern gefasster Brille elegant wirkende Hu (sein Hobby während der Studentenzeit war das Schauturniertanzen) kaum bekannt. Als er im Juli 1998 US-Präsident Bill Clinton und Frau Hillary in China begrüßte, sah die Öffentlichkeit erstmals seine Frau Liu Yongqing, eine Studienkollegin, mit der er zwei Kinder hat.

Wer in China aufsteigen will, muss herab in die unterentwickelte Provinz. Auch Hu erledigte diese Ochsentour. 1985 wurde er Parteichef der Armutsprovinz Guizhou, im Januar 1989 als erster Nichtmilitär Parteisekretär von Tibet. Unter seiner Führung wurde Tibet wegen Unruhen für ein Jahr unter Ausnahmerecht gestellt. Hus Maxime gefiel seinem Förderer Deng Xiaoping: die Parteiherrschaft mit allen Mitteln bewahren, aber zugleich den Wirtschaftsaufbau fördern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10./11.11.2001)

Von Johnny Erling
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