Rawa-Sprecherin: "Kampf um Frauenrechte wird weitergehen"

9. November 2001, 17:46
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Kultursprecherin der afghanischen Frauenorganisation Rawa in Wien

Wien - Egal, ob die Taliban Afghanistan regieren oder die Nordallianz, der Kampf um die Rechte der Frauen wird weitergehen, sagt Shala. Die junge Frau ist Kultur- und Erziehungssprecherin der Rawa, des revolutionären afghanischen Frauenverbandes. Sie befindet sich derzeit auf einer Lobbyingtour durch Europa, damit der Westen über der Diskussion um strategische und militärische Fragen nicht auf die Frauen in Afghanistan vergisst.

Leben hinter schwarzen Fenstern

In einem Land, wo die Frauen per Gesetz ihrer grundlegenden Rechte beraubt wurden, ist das, was Rawa tut, gefährlich: Die Organisation betreibt Alphabetisierungskurse und Schulen für Mädchen und handwerkliche Ausbildungen für Frauen, berichtet Shala, die ihren echten Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennen kann. Die Rawa organisiert die medizinische Versorgung für Frauen und erhält Waisenhäuser. Einen wichtigen Teil der Arbeit stellt auch die politische Bewusstseinsbildung dar, sagt Shala. Viele Frauen hören bei den Rawa-Treffen zum ersten Mal, dass sie auch als Frauen Menschenrechte haben und sich nicht alles gefallen lassen müssen.

Keine ermutigenden Perspektiven für Frauen

Rawa dokumentiert aber auch den Alltag afghanischer Frauen in Filmen und Fotos, die sie in den Westen schmuggeln. Die Welt soll wissen, was vor sich geht: Wer die Burka nicht ordentlich trägt oder allein auf der Straße geht, darf geschlagen werden. Ihr kleiner Neffe habe bereits psychische Probleme, weil er viele Male zusehen musste, wie seine Mutter auf der Straße verprügelt wurde. Frauen müssen die Fenster ihrer Wohnungen schwarz anstreichen, damit man nicht hineinsieht. Sie dürfen in der Öffentlichkeit nicht sprechen oder lachen. Der Zugang zur Schule und Arbeit ist ihnen per Gesetz verwehrt. Für Rawa ist der Kampf um Frauenrechte nichts Neues. Gegründet wurde die Organisation 1977, noch vor dem Einmarsch der Sowjets. Die Frauenunterdrückung sei Teil der Tradition, so Shala. Afghanistan sei eben "ein rück_stän_diges Land", doch die Taliban hätten die Gewalt gegen Frauen zum Gesetz erhoben.

Die Perspektiven für die weibliche Hälfte der afghanischen Bevölkerung sind nicht sehr ermutigend. "Wir wissen aus Erfahrung, dass es keinen Unterschied zwischen den kriminellen Fundamentalisten auf der einen und auf der anderen Seite gibt. Die USA machen die falsche Politik", betont Shala immer wieder. "Sie haben die Fundamentalisten groß gemacht und jetzt sind sie ihnen außer Kontrolle geraten."

Männer helfen als Komplizen

Wo sind denn dann die Verbündeten der Frauen in einem zukünftigen Afghanistan? Shala ist nicht ganz pessimistisch. Die Väter und Ehemänner der Rawa-Kursteilnehmerinnen wissen von den Aktivitäten und billigen sie. Manche stehen sogar Schmiere vor den Kurslokalen. Männer begleiten die Rawa-Aktivistinnen auf ihren Wegen, denn allein dürften sie sich ja gar nicht auf der Straße bewegen. Ohne solche "Komplizen" könnten sie ihre Arbeit gar nicht verrichten.

Manchmal agieren auch Wildfremde als Verbündete der Frauen, sagt Shala. Wenn beispielsweise eine Witwe in Kabul das Haus ohne Begleitung verlassen muss, fragt sie einen Taxifahrer, ob er für eine halbe Stunde ihr "Bruder" sein könnte. Er stimmt zu und sie kann einsteigen. Mit einer kleinen Notlüge hat sich eine Frau so wieder ein Stück Bewegungsfreiheit erkämpft. (mesu, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10./11.11.2001)

Rawa, den "Revolutionären Verband der Frauen Afghanistans", gibt es seit über zwanzig Jahren, aber nie war das Leben so schlimm wie unter den Taliban. Eine Rawa-Vertreterin war in Wien, um über ihre Arbeit zu informieren.

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