Kultursprecherin der afghanischen Frauenorganisation Rawa in Wien
Wien - Egal, ob die Taliban Afghanistan regieren oder die
Nordallianz, der Kampf um
die Rechte der Frauen wird
weitergehen, sagt Shala. Die
junge Frau ist Kultur- und Erziehungssprecherin der Rawa,
des revolutionären afghanischen Frauenverbandes. Sie
befindet sich derzeit auf einer
Lobbyingtour durch Europa,
damit der Westen über der
Diskussion um strategische
und militärische Fragen nicht
auf die Frauen in Afghanistan
vergisst.
Leben hinter schwarzen Fenstern
In einem Land, wo die Frauen per Gesetz ihrer grundlegenden Rechte beraubt wurden, ist das, was Rawa tut, gefährlich: Die Organisation betreibt Alphabetisierungskurse
und Schulen für Mädchen
und handwerkliche Ausbildungen für Frauen, berichtet
Shala, die ihren echten Namen aus Sicherheitsgründen
nicht nennen kann. Die Rawa
organisiert die medizinische
Versorgung für Frauen und
erhält Waisenhäuser. Einen
wichtigen Teil der Arbeit stellt
auch die politische Bewusstseinsbildung dar, sagt Shala.
Viele Frauen hören bei den
Rawa-Treffen zum ersten Mal,
dass sie auch als Frauen Menschenrechte haben und sich
nicht alles gefallen lassen
müssen.
Keine ermutigenden Perspektiven für Frauen
Rawa dokumentiert aber
auch den Alltag afghanischer
Frauen in Filmen und Fotos,
die sie in den Westen schmuggeln. Die Welt soll wissen, was
vor sich geht: Wer die Burka nicht ordentlich trägt oder allein auf der Straße geht, darf
geschlagen werden. Ihr kleiner Neffe habe bereits psychische Probleme, weil er viele
Male zusehen musste, wie
seine Mutter auf der Straße
verprügelt wurde. Frauen
müssen die Fenster ihrer
Wohnungen schwarz anstreichen, damit man nicht hineinsieht. Sie dürfen in der Öffentlichkeit nicht sprechen oder lachen. Der Zugang zur
Schule und Arbeit ist ihnen
per Gesetz verwehrt. Für Rawa
ist der Kampf um Frauenrechte nichts Neues. Gegründet
wurde die Organisation 1977,
noch vor dem Einmarsch der
Sowjets. Die Frauenunterdrückung sei Teil der Tradition,
so Shala. Afghanistan sei eben
"ein rück_stän_diges Land",
doch die Taliban hätten die
Gewalt gegen Frauen zum Gesetz erhoben.
Die Perspektiven für die
weibliche Hälfte der afghanischen Bevölkerung sind nicht
sehr ermutigend. "Wir wissen
aus Erfahrung, dass es keinen
Unterschied zwischen den
kriminellen Fundamentalisten auf der einen und auf der
anderen Seite gibt. Die USA
machen die falsche Politik",
betont Shala immer wieder.
"Sie haben die Fundamentalisten groß gemacht und
jetzt sind sie ihnen außer Kontrolle geraten."
Männer helfen als Komplizen
Wo sind denn dann die Verbündeten der Frauen in einem
zukünftigen Afghanistan?
Shala ist nicht ganz pessimistisch. Die Väter und Ehemänner der Rawa-Kursteilnehmerinnen wissen von den Aktivitäten und billigen sie. Manche
stehen sogar Schmiere vor den
Kurslokalen. Männer begleiten die Rawa-Aktivistinnen
auf ihren Wegen, denn allein
dürften sie sich ja gar nicht auf der Straße bewegen. Ohne
solche "Komplizen" könnten
sie ihre Arbeit gar nicht verrichten.
Manchmal agieren auch
Wildfremde als Verbündete
der Frauen, sagt Shala. Wenn
beispielsweise eine Witwe in
Kabul das Haus ohne Begleitung verlassen muss, fragt sie
einen Taxifahrer, ob er für eine halbe Stunde ihr "Bruder"
sein könnte. Er stimmt zu und
sie kann einsteigen. Mit einer
kleinen Notlüge hat sich eine
Frau so wieder ein Stück Bewegungsfreiheit erkämpft.
(mesu, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10./11.11.2001)
Rawa, den "Revolutionären Verband der Frauen
Afghanistans", gibt es seit über zwanzig Jahren,
aber nie war das Leben so schlimm wie unter
den Taliban. Eine Rawa-Vertreterin war in Wien,
um über ihre Arbeit zu informieren.
LINK:
Rawa im Netz