Meningokokken: "Killer aus dem Rachenraum"

8. November 2001, 21:51
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Immerhin gegen eine Variante gibt es einen neuen Impfstoff in Österreich

Wien - Die Keime überleben im Nasen-Rachenraum von Infizierten. Bei einigen von ihnen - besonders bei Kindern und Jugendlichen - können sie aber binnen Stunden zur lebensgefährlichen Gehirnhautentzündung und/oder Sepsis (Blutvergiftung) führen: Meningokokken. Gegen einen häufigen Stamm der Erreger (Meningokokken C) gibt es jetzt einen neuen und hoch wirksamen Impfstoff in Österreich. "Wenn ich eine Impfung dagegen habe, sollte sich sie auch nutzen", erklärte am Donnerstag bei der Präsentation des Vakzins Univ.-Prof. Dr. Ursula Kunze (Institut für Sozialmedizin der Universität Wien).

International betrachtet

Die "Killer" grassieren weltweit. Nach Haemophilus influenzae B (Impfung) und Pneumokokken (Impfung) sind die Meningokokken an dritter Stelle bei jenen Bakterien, die Gehirnhautentzündungen bzw. auch Sepsis erregen können. Univ.-Prof. Dr. Werner Zenz von der Grazer Universitäts-Kinderklinik: "Im Jahr 2000 gab es in Österreich 88 Meningokokken-Erkrankungen. 65 davon entfielen auf Meningokokken B und 16 auf Meningokokken C, der Rest auf andere Erregerstämme. Es wurden fünf Todesfälle registriert, einer davon durch Meningokokken C."

International sieht die Angelegenheit ausgesprochen düster aus: Auch in Europa scheint die Zahl dieser schweren Infektionen, die binnen Stunden zum Tod führen können, anzusteigen. Zenz: "In England gibt es beispielsweise fünf Mal mehr Erkrankungen. 1998 waren es dort 2.418." In Österreich entfallen 70 bis 80 Prozent der Fälle auf Meningokokken B, etwa 20 Prozent auf Meningokokken C.

Wirksam nicht gegen alle Varianten

Während an einem Impfstoff gegen die Meningokokken B erst gearbeitet wird, hat nun der Pharmakonzern Baxter einen neuen Impfstoff gegen die Meningokokken C-Infektion auf den Markt gebracht. Dr. Peter Mateyka (Baxter): "Ein alter Polysaccharid-Impfstoff zeigte keinen Schutz bei Kindern unter zwei Jahren. Die Immunogenität war unzureichend. Je mehr geimpft wurde, desto schlechter wirkte das Vakzin."

Der neue Impfstoff besteht aus dem Polysaccharid. Dieses Antigen ist zur Verstärkung der Wirkung an das Tetanus-Toxoid, also das "Gift" der Wundstarrkrampf-Erreger, gekoppelt. Zwei andere derartige Vakzine sind solche Konjugate mit dem Diphtherie-Toxoid. Mateyka: "In England wurde unser Impfstoff im Rahmen einer groß angelaufenen Aktion zum Teil noch vor der Zulassung eingesetzt. Mehr als drei Millionen Dosen wurden verimpft. Die Wirksamkeit (Schutzrate, Anm.) liegt bei Jugendlichen bei 97 Prozent, bei Kindern bei 92 Prozent."

Der Effekt

Der neue Meningokokken C-Impfstoff hat einen zweifachen Effekt: Erstens verhindert er zuverlässig schwere Erkrankungen. Zweitens können Immunisierte den Keim nicht mehr übertragen. Das ist besonders wichtig für die mögliche Infektion von Menschen durch symptomlose "Träger" der Bakterien.

Dr. Peter Mateyka (Baxter): "In Großbritannien hat man errechnet, dass die Impfung in einem Jahr rund 500 Meningokokken C-Erkrankungen und 50 Todesfälle verhindert hat." Das Vakzin (NeisVac-C) ist ab November in Österreich erhältlich. Es soll in den Apotheken 782,50 Schilling (inkl. MwSt) kosten.

Die Impfung kann bereits bei Säuglingen ab dem zweiten Lebensmonat eingesetzt werden. Dann sind aber drei Impfungen im Abstand von vier Wochen notwendig. Ab dem ersten Lebensjahr genügt nur noch eine Immunisierung für einen zuverlässigen Schutz. Allerdings weiß derzeit noch niemand, wie lange die Wirkung anhält.

Sachte Empfehlung

Der Impfausschuss des Obersten Sanitätsrates hat folgende Empfehlung ausgesprochen: "Jeder, der sich schützen will, kann von dieser Impfung Gebrauch machen." Laut Univ.-Prof. Michael Kunze, Vorstand des Instituts für Sozialmedizin in Wien und Mitglied des Obersten Sanitätsrates, wird auch diskutiert werden, ob man diese Immunisierung in das Programm der von öffentlichen Hand finanzierten Kinderimpfungen aufnehmen sollte.

Doch da trotz aller Bemühungen - es gibt noch keine Impfung gegen die in Österreich am häufigsten vorkommenden Meningokokken B - eine "Ausrottung" der Erkrankung kaum machbar erscheint, bleibt die möglichst frühzeitige Diagnose ein weiteres wichtiges Mittel. Nur eine sofortige intensive Antibiotikatherapie samt Spitalseinweisung etc. kann das Leben der Betroffenen retten.

Information entscheidend

Der Grazer Kinderarzt Univ.-Prof. Dr. Werner Zenz: "Die Sterblichkeit bei eitriger Meningitis liegt bei einem Prozent, bei Auftreten einer Sepsis bei 26 Prozent." Dem kann man im Verdachtsfall nur durch die sofortige Diagnose und Antibiotika entgegenwirken.

Deshalb sollte laut Zenz auch eine intensive Informationskampagne für Öffentlichkeit und Ärzte erfolgen. Der Experte: "In England hat man durch Aufklärungskampagnen und intensivmedizinische Maßnahmen die Sterblichkeit nach Meningokokken-Infektionen um bis zu 90 Prozent reduzieren können."

Achtung, Symptome!

Bei folgenden Symptomen sollte daher sofort der Arzt gerufen werden: Kopfschmerzen, hohes Fieber, Nackensteifigkeit, Lichtscheu, Benommenheit, Glieder- und Gelenksschmerzen, Erbrechen bzw. Krämpfe. Ganz besonders sollten auftretende Blutungen in der Haut alarmieren. Wie man das von "Ausschlägen" (auch nach Masern etc.) unterscheidet: Drückt man ein Wasserglas auf den roten Fleck auf der Haut, verschwindet er bei "harmlosen" Rötungen. Bleibt der Fleck sichtbar, ist eine "Einblutung" gegeben. Dann kann höchste Gefahr bestehen.

Zenz: "Ich habe den Fall eines Kindes erlebt, das hatte an einem Tag um 22.30 Uhr die ersten Krankheitszeichen. Am nächsten Tag habe ich es um 9.30 Uhr an meiner Klinik aus dem Helikopter übernommen. Um 10.30 Uhr war es tief bewusstlos, um 15.05 Uhr ist es nach sechs Reanimationsversuchen gestorben." (APA)

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