USA: Stammzellen frei

8. November 2001, 20:47
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Forschung kann beginnen, hat aber neue Probleme

Washington/Ann Arbor - Die US-Gesundheitsbehörde NIH hat die Liste jener embryonalen Stammzellen veröffentlicht, mit denen öffentlich geförderte Forscher in den USA arbeiten dürfen: Offiziell stehen 72 Zelllinien aus Australien, Indien, Israel, Schweden und den USA zur Verfügung.

Allerdings hat das NIH sich verzählt: Die Liste umfasst nur 54 Zelllinien, und diese Zahl könnte sich weiter verringern, weil zwischen zwei der genannten Bezugsquellen ein Patentkrieg eskaliert. Zudem haben Forscher der University of Michigan in Ann Arbor ein völlig neues Problem identifiziert, das den Wert aller bisherigen Zelllinien infrage stellt.

Demnach sind zumindest manche Stammzellen empfindlich gegen Sauerstoff: Die Molekularbiologin Marie Csete hat gezeigt, dass Muskelstammzellen sich nicht zu Muskeln, sondern zu Fett entwickeln, wenn sie zu hohen Sauerstoffkonzentrationen ausgesetzt sind. Im Körper gibt es vier bis sechs Prozent Sauerstoff, in der Luft 21 Prozent. Hält man die Muskelstammzellen im Labor in normaler Luft, werden viele von ihnen Fettzellen.

Und die jetzt zugelassenen Zelllinien wurden auch in normaler Luft gezogen. Zwar handelt es sich dabei nicht um adulte, sondern um embryonale Stammzellen, die viel plastischer sind und sich breiter ausdifferenzieren können. "Aber auch ihre Effizienz kann durch die hohen Sauerstoffgehalte verändert sein", warnt Csete, "ihr Potenzial mag stark eingeschränkt sein."

Hinzu kommt ein schon bekanntes Problem: Die Zelllinien stammen zwar von Menschen, werden aber nicht so einfach an Menschen angewandt werden dürfen, da sie mit Mäuseembryonen "gefüttert" und möglicherweise dadurch verunreinigt werden.

Forscher, die trotzdem damit arbeiten wollen, geraten in Eile: Sie müssen ihre Anträge bis 27. November stellen. (jl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 11. 2001)

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