Pfahl ins Herz

8. November 2001, 20:00
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Die Vergangenheit, das Problem Temelín und Österreichs europäische Geltung

Symbolisch und präzis hat ein österreichischer Architekt in Nürnberg auf dem ehemaligen Reichsparteigelände ein historisches Zeichen gesetzt. Günther Domenig ist für das neue Dokumentationszentrum ein lang gestreckter Baukörper eingefallen, von dem er selbst sagt: "Ich wollte den einschüchternden Achsen, Symmetrien und steinernen NS-Ewigkeitsansprüchen einen Pfahl ins Herz treiben."

Die Kritiker haben für diesen "Schmerz aus Stein" (Süddeutsche Zeitung), der das alte Gemäuer durchbohrt und "den Ziegelkadaver selbst zur Leichenschau freigibt" (Benedikt Erenz in Die Zeit) nur Lob gefunden. In Österreich selbst hat man diese Arbeit bis jetzt kaum bemerkt. Ist ja auch kein Schickimicki-Tempel, sondern politische Architektur als ein besonders gelungener Akt der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Nationale Lobbys

Dieser Bau des gebürtigen Kärntners Domenig hat nicht nur baugeschichtlich eine europäische Dimension. Der Grazer TU-Professor ist als Sieger aus einem europaweiten Architekturwettbewerb hervorgegangen. Das heißt, dass trotz heftiger nationaler Lobbys immer mehr Chancen bestehen, international zu reüssieren.

Bekanntlich wurde das monatelang umstrittene Grazer Kunsthaus ebenfalls nicht von einem Einheimischen, sondern vom Londoner Architektenduo Cook/Fournier entworfen.

Die Architektur ist kein zentraler, aber ein wichtiger Beweis für den Prozess der Europäisierung. Von der übrigens bereits die gesamte österreichische Architekturszene profitiert. Wilhelm Holzbauer, dem am Donnerstag der Große Österreichische Staatspreis überreicht wurde, ist eines der prominentesten Beispiele für diese Entwicklung.

Industrie und Wirtschaft haben in Ansätzen diese Chancen bereits begriffen. Aber sie müssten weitere Schritte tun: österreichische Architekturbüros bei internationalen Wettbewerben unterstützen. Denn die britischen und französischen Erfolge in der Bauindustrie hängen auch mit der Weltgeltung ihrer Architekten zusammen. Sie werden technologisch massiv gepusht.

Vetotaktik - Angst vor Pluralistischer Zukunft

Auch aus diesen Gründen ist die Vetotaktik der FPÖ wegen des Konflikts um das Atomkraftwerk Temelín nicht nur chauvinistisch, sondern extrem schädlich. Aber das passt ja zusammen: Wer mit der autoritären Vergangenheit nicht zurande kommt, kann sich auch eine pluralistische Zukunft schwer vorstellen. Temelín ist nur das Vehikel für den letzten Versuch, die EU-Osterweiterung aufzuhalten.

Man sieht es auf allen möglichen Gebieten. Für den nationalen Pulk unter den Freiheitlichen und für das fremdenfeindliche Herz in vielen ihrer Funktionäre ist die Europäisierung gleichbedeutend mit einem Ausverkauf der deutschen Kultur. Die tiefen Wunden im historischen Verhältnis zu Tschechien verstärken den Leidensdruck. Pessimismus mehrt Chauvinismus.

Österreichischer Einfluss

Für den österreichischen Einfluss in der europäschen Wirtschaft und im internationalen Geistesleben ist diese Haltung eine Riesenbremse. Abgesehen davon, dass wir uns die Tschechen im Fall eines Vetos zu Feinden für Jahrzehnte machen würden: Weil Kultur (mit Architektur) und Wissenschaft (mit technologischer Praxis) Treibsätze der Wirtschaft sind, wäre ein Sieg der Freiheitlichen in Sachen Temelín eine Niederlage ganz Österreichs.

Die Sicherheitsfragen sind wichtig. Tschernobyl steckt noch tief drinnen im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger. Aber die gehören in die Beitrittsverträge (übrigens auch der Slowakei). Das Projekt Osterweiterung selbst dürfen sie nicht zum Scheitern bringen.

Österreich und Wien würden sich sonst auch von ihren historischen Wurzeln abschneiden. Die liegen nun einmal in einer mitteleuropäischen Funktion, deren Verengung auf den deutschen Nationalismus zu jenem Totalitarismus geführt hat, den ein Günther Domenig jetzt eben so klug und gezielt zugleich attackiert. (Gerfried Sperl, DER STANDARD Print-Ausgabe 9.November 2001)

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