Saddam und Osama - von Gudrun Harrer

8. November 2001, 18:56
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Saddam Hussein und die Islamisten, das wäre, wenn es nicht so brisant wäre, fast ein amüsantes Thema. Kein Muslim, keine Muslimin von Verstand nimmt dem knochentrockenen säkularistischen Iraker seine sich erst zu Golfkriegszeiten zugelegte islamische Pose ab. Der Inhaber einer Großbaustelle, auf der die größte Moschee der Welt entstehen soll, wurde in den Achtzigerjahren vom Westen nicht zuletzt deshalb hofiert, weil man wusste, dass er den Irak durch brutalste Unterdrückung der eigenen Religiösen als Staat erhalten würde, in dem der Islam keine politische Kategorie ist. Saddam selbst hat in dieser auf den Kopf gestellten Welt allerdings sein Überleben nach dem Golfkrieg nicht zuletzt seiner schiitischen Opposition zu verdanken: Unter anderem die Angst vor einer islamistischen Revolution im Irak hat damals George Bush senior davon abgehalten, "den Job zu Ende zu führen".

Saddam hat in den letzten Jahren wiederholt Islamisten nach Bagdad eingeladen; viel mehr als den Versuch, die Regierungen ihrer Herkunftsländer - bevorzugt Jordanien - zu ärgern, hat niemand darin gesehen. Das irakische ist wahrscheinlich das unideologischste aller mittelöstlichen diktatorischen Regime: Staatsziel ist das Überleben des Clans und dessen Bereicherung, und das funktioniert prächtig. Daraus schließen so ziemlich alle Irak-Experten, dass eine Kooperation zwischen Bin Laden und Saddam eher unwahrscheinlich ist. Kontakte zur Aufnahme einer solchen mag es gegeben haben, vor Zweckallianzen mit dem Satan hat der Terroristenchef nie zurückgeschreckt (im Afghanistan der Achtzigerjahre hieß er Amerika). Aber der gleiche Pragmatismus, der Saddam im Golfkrieg davon abhielt, seine Massenvernichtungswaffen einzusetzen, hält ihn wohl auch jetzt eher davon ab, sich dem Bin-Laden-Projekt anzuschließen. Außer er ist wirklich so sterbenskrank, wie es heißt, und will in einem Hitlerschen Reflex sein Reich in den Tod mitnehmen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2001)


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