Mars macht mobil

8. November 2001, 19:37
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Im "Merkur" dominieren die Appelle

Von Ronald Pohl

Es liegt an der Selbsteinschätzung eines sich zu teilnehmender Politik verpflichtenden Mittelstaates, ob er seinem geopolitischen Tun oder Lassen einige jener Maximen zugrunde legt, die ihn zu einem Partner - unter Gleichen - machen.

Denn wie immer man die deutsche Selbstverpflichtung zur Teilnahme an der Allianz beurteilt; ob man die 3900 Bundeswehrsoldaten lieber in der sicheren Hut ihrer baufälligen Kasernen an Mosel und Rhein wüsste oder doch lieber den Widrigkeiten auf zentralasiatischem Boden ausgesetzt: Sie scheint durch bestehende Verträge unzweifelhaft gedeckt.

Indes schwerer wiegt der von Bundeskanzler Schröder unmissverständlich zum Ausdruck gebrachte Wille, das eigene politische Handeln, welches bis dato von den Besonderheiten der deutschen Geschichte bestimmt schien, rückhaltlos in den Dienst jener Werte zu stellen, von deren universeller Geltung - Freiheit, Recht und Demokratie - ja auch die Besonderheiten des afghanischen Kampfeinsatzes zehren.

Von solchen Überlegungen gehen nicht zuletzt die beiden Editorials aus, in denen Kurt Scheel und Karl Heinz Bohrer, als Koherausgeber der ruhmreichen Zeitschrift Merkur zu bestürzender Aktualität verhalten, das deutsche Gemeinwesen vor Halbherzigkeit und Fahnenflucht eindringlich warnen. Das Mobilmachungsgebot der Dioskuren stieß ausgerechnet in der FAZ auf taube Ohren: Scheels flammendem Begründungszusammenhang, dass, "wer jetzt glaubt, sich heraushalten zu können, (...) sich und andere zum nächsten Opfer" mache, wollte man gerade auf dem publizistischem Flak-Schiff konservativ inspirierter Staatsrechtlichkeit wenig Glauben schenken (FAZ-Ausgabe vom 2. November).

Wie das? Scheel lobt in seinen einleitenden Worten gerade die "amerikanische Kriegstradition", die von einer durchschlagenden Pragmatik gekennzeichnet sei. Ihr Motto: Lohnt es nicht, so schieß' ich nicht!

Eine solche Zurückhaltung glaubt Scheel nun gerade der deutschen Außenpolitik nicht zumuten zu dürfen: Während er den islamistischen Furor in den finstersten Abschreckungsfarben eher grob tüncht, behandelt er die deutsche Beteiligung an der Vergeltung als notwendigen Geburtsakt. Die Bundesrepublik habe die "Herausforderung vom 11. September" als ihre eigene salbungsvoll anzunehmen. Schon tritt der Imperativ eines Sendungsauftrages vor das verklärende Auge des Citoyens. Bohrer legt dringlich nach:

Wahlmöglichkeit

"Jeder Handelnde steht vor einer Auswahl von Möglichkeiten", doziert er - was mithin zum Verwerfen der als falsch erkannten Möglichkeiten führe. Dass aber jede "theoretische Distanzierung des Ereignisses" für sich schon wieder "theoretisch schlecht" aussehe und dass dies a priori so sein müsse, unverbrüchlich und für alle Zeiten - das nimmt wunder. Eine solche Form der nötigenden Anempfehlung nimmt die verzwickten Grundlagen "kommunikativen Handelns" nicht recht ernst.

Es ist schon so: Die Politik steht auch vor dem Dilemma, aus sich abzeichnenden Übeln das geringere zu wählen. Was wäre es aber für eine Denkfigur, wenn man sagte: Deutschland bringe sich als "normaler" Mittelstaat überhaupt erst zur Welt, wenn es sich, wie ein angenommener solcher, sozusagen blindlings handelnd verhalte? Scheel: "Der Westen ist mehr als eine saturierte Gemeinschaft von Konsumenten." Doch welcher Beweisführung bedarf dann der unschuldige Konsument, um sich als Pazifist zu erweisen und dennoch als sittlich zu gelten?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 11. 2001)

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