Neulich im Ödland

8. November 2001, 19:18
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Das Atelier im Augarten zeigt Abbilder ausladender Landschaften

Wien - Leer, verlassen, einsam, langweilig, fad. Öd und wüst. Trocken und kalt. Oder gleich beides. Steinig, sandig, verweht. Nur Dünen oder Wächten. Anwehungen, rhythmisiert durch Abgestorbenes. In jedem Fall unwirtlich. Keineswegs auch nur annähernd lebenswert.

Aus irgendwelchen Gründen zieht es da ständig Leute hin, suchen beängstigend viele nach dem ewigen Eis oder dem unentwegten Sengen und Brennen, sie riskieren auszudörren oder abzufrieren. Einst, als die Hoffnung noch berechtigt war, derorts irgendetwas entdecken zu können, gut, aber heute? Ausnahmslos ein jedes Ödland liegt penibel kartographiert vor, und sämtliche Bergeinsamkeiten können dank widrigkeitsunempfindlicher Satelliten von zu Hause aus betrachtet werden. Was angesichts mehrerer Jahrhunderte Reise- und Expeditionsliteratur auch unnötig scheint. Außer vielleicht zum Behufe viel Sand aufwirbelnder Flächenbombardements, hinter denen letztendlich doch immer irgendein Gestaltungswille steckt, eine ästhetische Absicht.

Einsame Spirale

Auch Robert Smithson, um jetzt endlich auf die Kunst zu kommen, die derartigen Attraktionen selbstverständlich auch seit jeher aufsitzt, ist der ungestalteten Tristesse eines im Austrocknen befindlichen Sees mit schwerem Gerät zu Leibe gerückt, hat mit Bagger und Truck ein Territorium markiert. Eine monströse Spirale signiert, umspült vom rötlichen Restwasser, diese eigenwillige Art des Sich-untertan-Machens. X-fach fotografiert und aus allen nur erdenklichen Perspektiven in allen möglichen Lichtstimmungen abgefilmt, hatte er dann wenigstens etwas Neues aus der Wüste von Utah mitzubringen: Land Art.

Walter Niedermayr überlässt 30 Jahre später das Gestalten schon den anderen. Er erfreut sich aus der Distanz an den chaotischen Mustern, die signalbunt gewandete Skifahrer auf schneebedeckten Alpengipfeln hinterlassen. Oder hebt das strukturierende Wirken von Güterwegen, Lifttrassen und Gondelbahnen in den Kompositionsrang.

Natürlich lässt die Wüste sich auch in diversen Ergebnissen des Handelns aus freiem Willen finden. Jane und Louise Wilson entdecken ihre Ödländer in Raketenabschussbasen oder sonstigen kathedralen Betonfantasien. Und Margherita Spiluttini dokumentiert die Wunden, die der Tagbau ins Grünland reißt, um Material für weiteres Zubauen zu fördern.

Das Atelier im höchst kultivierten Augarten ist vergleichsweise leicht zu erreichen. Dort sind die Dokumente aus dem Waste Land in wohltemperierter Studioatmosphäre zu bestaunen. Nebst den schon Erwähnten berichten auch noch Kaucyila Brooke, Olafur Eliason, Joachim Koester und Lois Weinberger von ihren Expeditionen ins extrem Unwirtliche.

Und Roman Signer, der auch noch den Dünen und Wächten etwas Lustiges abzugewinnen versteht. Wozu er mit allerhand Gerät und Munition anreist. Damit erzeugt er sich die Spannung, deren Absenz das Ödland auszeichnet, dann eben trotzig selbst. Auch er bringt explosives Material gänzlich nutz- und zwecklos zur Explosion oder versucht mit untauglichem Material tiefer vorzustoßen, unternimmt eine Kajakfahrt in Snaefellsnesi, wo es nichts gibt - vor allem kein Wasser.

Begleitet wird die Schau der Österreichischen Galerie von einem Buch, das belegt, wie viele Gedanken bei der Zähmung der widerspenstigsten unter allen Weltgegenden anfallen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 11. 2001)

 Von
 Markus
 Mittringer



WEB-TIPP:

www.atelier-
augarten.at

Bis 24. Februar 2002
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