Pekings Problem mit den Uiguren

9. November 2001, 11:41
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Rebellen kämpfen für "Islamische Republik Ostturkestan"

Chinesische Behörden haben in Urumtschi, der Hauptstadt der von neun Millionen Uiguren bewohnten Nordwestprovinz Xinjiang, im letzten Jahr 24 "Terrorgruppen zerschlagen" und 267 "verdächtige Extremisten" verhaften lassen. Ein halbes Dutzend Städte und Gebiete in der Provinz, die fast 20-mal so groß wie Österreich ist, aber nur von 17 Millionen Menschen bewohnt wird, gelten einschlägigen Fachleuten als Zentren terroristischer Aktivitäten der für eine "islamische Republik Ostturkestan" kämpfenden Extremisten.

Viele von ihnen seien in Camps der Taliban oder Bin Ladens ausgebildet worden und erhielten über Zentralasien Waffen und Sprengstoff, heißt es. 50 größere und kleinere Unterstützergruppen seien im Ausland. Aus der Türkei, aus der Xinjiangs pantürkisch-islamische Bewegung einst primär heimlich unterstützt wurde, komme aber keine Hilfe mehr.

Die Pekinger Zeitschrift Sanlian Shenghuo Zhoukan durfte kürzlich eine Ausgabe dem Thema "China kämpft gegen den Terrorismus" widmen und über das Problem Xinjiang berichten. Sie berief sich dabei auf die Schanghaier Apec-Konferenz, auf der Staatspräsident Jiang Zemin und Russlands Präsident Wladimir Putin im Oktober erstmals "den Kampf gegen die Dongtu (die Ostturkestan-Rebellen)" und Russlands Kampf gegen die Tschetschenen gleichsetzten und zum "Bestandteil des globalen Krieges gegen den internationalen Terrorismus" erklärten.

Peking hat zum ersten Mal erlaubt, detaillierte Berichte über die Aktivitäten von religiösen Extremisten in der unruhigsten Provinz des Landes zu veröffentlichen. China räumt damit sein wachsendes Problem mit islamischen Fundamentalisten ein. Zugleich dienen die Veröffentlichungen auch als Rechtfertigung für deren Verfolgung und als Auftakt für eine propagandistische Attacke.

Nach Angaben der Zeitschrift hatten sich 1996 und 1997 in Xinjiang "zahlreiche Terrorattentate ereignet". Auf das Konto der "Dongtu" ging in der Stadt Yili ein Bombenanschlag am 5. Februar 1997, bei dem neun Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. Dieser Anschlag wurde dann zum "Signal für Folgetaten".

Inzwischen hätten Chinas Fahnder viele Hinweise auf die Ausbildung Xinjianger Terroristen in afghanischen Lagern. Vier etwa am 25. Juni 2001 in Urumtschi verurteilte Uiguren hätten angegeben, von November 1995 zwei Jahre lang im afghanischen Husud trainiert worden zu sein. Dies sei einer von mehr als 40 Trainingscamps der Taliban und Bin Ladens. In dessen Militärlager seien 200 Xinjiang-Extremisten ausgebildet worden, zitiert die Zeitschrift Terrorismusforscher, die ihr Wissen von russischen Behörden beziehen.

Der Experte für Zentralasien, Sun Zhuangzhi, spricht von Außenaktivitäten "von mehr als 50 Gruppen", die vor allem in Zentralasien konzentriert seien, aber auch in Deutschland und Italien säßen. Sie würden "mithilfe des westlichen Standpunkts zu den Menschenrechten Chinas Regierung angreifen". Die vielen Gruppen seien zersplittert. Sie hätten keine "echte Kommandozentrale".

Chinesische Minderheitenforscher und Sicherheitsbehörden sind unterschiedlicher Ansicht, wie gefährlich die Terroristen in Xinjiang sind. Wang Mingye von der Akademie für Sozialwissenschaften wird zitiert, er sehe die Fundamentalisten noch am Anfang. Sie würden zwar zum "heiligen Krieg" aufrufen und einige religiöse Hitzköpfe anziehen, könnten aber keine Massen mobilisieren. Auch seien sie nicht in der Lage, sich organisatorisch eng mit Zentralasiens Terrorismus zu verbinden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2001)


Propaganda und Politik: Die chinesische Regierung erlaubt erstmals öffentliche Berichte über die islamistischen Rebellen in der Nordwestprovinz Xinjiang. Sie will die internationale Stimmung gegen den Terror nutzen, um ihr Vorgehen in der Region vor der Welt zu rechtfertigen.STANDARD- Korrespondent Johnny Erling aus Peking
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