Zunehmende Zweifel an der Nordallianz

8. November 2001, 19:31
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Der bevorstehende Wintereinbruch in Afghanistan setzt USA und Verbündete unter Druck

Washington/Paris/Berlin/Kabul - Ungeachtet angeblicher Landgewinne und einer weiteren angekündigten Offensive gegen die strategisch wichtige Stadt Mazar-e Sharif am Donnerstag, äußern britische und amerikanische Militärexperten zunehmend Zweifel an der Schlagkraft der oppositionellen Nordallianz in Afghanistan. Nach Berichten der Taliban-nahen Nachrichtenagentur Bakhtar standen die Oppositionstruppen etwa 25 Kilometer vor Mazar-e Sharif, nach Darstellung der Nordallianz rund sieben Kilometer.

Einen Monat nach Beginn der US-Luftangriffe in Afghanistan sind sich Militärexperten einig: Ein Sturz der radikalislamischen Taliban-Regierung wird nur möglich sein, wenn im Frühjahr Tausende Soldaten der USA und ihrer Verbündeten mit einer Offensive in dem Land beginnen. Luftangriffe auf Stellungen der Taliban und der Organisation des Terroristenführers Osama Bin Laden, al-Qa'ida, könnten trotz der ungeheuren Feuerkraft auf Dauer keine Bodentruppen ersetzen, sagen sie. Die US-Regierung erliege einer Fehleinschätzung, wenn sie auf einen Sieg der oppositionellen Nordallianz vertraue.

"Es ist dumm zu erwarten, dass die Nordallianz durch Afghanistan fegt. Sie ist nie eine glaubwürdige militärische Kraft gewesen", sagt der Herausgeber des in London erscheinenden Militärfachblatts "Jane's World Armies", Charles Heyman. Seiner Einschätzung nach werden die USA, Deutschland, Großbritannien und weitere Verbündete bis Anfang März Tausende Soldaten in die Region entsenden, um mit einem Bodenkrieg zu beginnen. "Es ist eindeutig, dass wir die Nordallianz überschätzt und die Taliban unterschätzt haben", sagt auch der Experte des Rates für Auswärtige Beziehungen in New York, Larry Korb. Nach mehr als 2000 Bombeneinsätzen zeigten sich die Taliban von den Angriffen unbeeindruckt. Das Center for Strategic and Budgetary Assessments in Washington schätzte die Kosten des Luftkriegs auf bereits eine Milliarde Dollar. Das Pentagon verteidigte jedoch am Mittwoch gar die Schlagkraft der Nordallianz, die zum Teil zu Pferd gegen die Stellungen der Taliban um Mazar-e Sharif anreitet: Pferde seien ein wichtiges Element in diesem Kampf, sagte General Peter Pace - "Das zeigt, wie aggressiv diese Leute sind. Sie bringen den Krieg zu ihren Feinden und zu unseren." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.11.2001)

Die Nordallianz ist überschätzt worden, sagen Militärexperten und plädieren für eine Bodenoffensive der USA im Frühjahr.
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