"Warten Sie etwa alle auf mich?!"

13. November 2001, 21:23
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John Travolta traf den STANDARD: Ein Bericht wie eine Lügengeschichte

... und dann dieses erznaive, kumpelhafte Ich-werde-euch-jetzt- etwas-über-meinen-Privatjet-erzählen-Lächeln: John Travolta, Schmierant, Genie, Superstar, Hallodri sitzt geschlagene 30 Minuten lang in einer Londoner Hotelsuite mit 20 Journalisten.

Ein Bericht wie eine Lügengeschichte - von Claus Philipp.


London - Von solchen Begegnungen erzählt man Jahrzehnte später noch seinen Kindeskindern. Angeblich. Es ist 14.00 Uhr, die Hotelsuite ist berstend voll. Alle warten. John Travolta hat sich verspätet. Vielleicht war in London/ Heathrow kein Parkplatz für den Privatjet zu finden. Vielleicht hatte er auch keine Lust.

Jedenfalls mussten, um den Zeitplan einzuhalten, sämtliche geplante Interview-Gruppen zu einer Minipressekonferenz zusammengelegt werden. Die Journalisten unterhalten sich über den neuen Film Passwort Swordfish - eine comicsartige Hackergeschichte, in der Travolta einen undurchsichtigen Superterroristen spielt. Einer sagt: "Also wie er da am Anfang, wie in einem Tarantino-Film, darüber spekuliert, dass Hollywood heute nur Mist macht, und dann geht die Action so richtig mies und fies los, das ist noch das Beste!"

"Das Beste": Was für ein Stichwort! Die Tür schwingt auf und, gefolgt von zwei Bodyguards, einer Pressebetreuerin (und war das dahinten ein Anwalt?) zelebriert der Star seinen Auftritt: "Warten Sie vielleicht alle auf mich?" Versöhntes Schmunzeln in der Runde. "Kann es sein, dass Sie mich lieben?!" Eine angedeutete Generalumarmung evoziert Gelächter. "Darf ich mich setzen?" Ja, klar, er darf.

Foto: 
REUTERS/Fred   Prouser
Harte Promo-Arbeit für "Passwort Swordfish": Waschbrett-Vergleich mit Co-Star Hugh Jackman bei den US-MTV-Movie-Awards im Juni.
Halle Berry ist laut Agenturmitteilung "in amusement".

John Travolta hat leichtes Übergewicht (dagegen hilft ein weit geschnittener Anzug). Er hat extrem ausgeprägte Geheimratsecken (dagegen hilft Kunsthaar). Er hat einen gewaltigen Flop hinter sich: Battleship Earth, eine aufwendige Verfilmung des Romans von Scientology-Guru Ron L. Hubbard. Dagegen hilft: Weitermachen, weiterscherzen, inklusive treuherzigen Augenaufschlags. Und den hat Travolta drauf wie sonst nur den gewissen Hüftschwung.

"Sie wollen wissen, wie man Kultfilme macht?", fragt er einen Schreiberling, der das leider wirklich wissen wollte: "Ich sag' Ihnen ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Und hab' ich ..." - Travoltas Blick sucht bestätigendes Lächeln - "hab' ich nicht mindestens an dreien mitgewirkt? Häh?" Ja, hat er: Grease, Saturday Night Fever und dann nach einem längeren Tief Mitte der 90er-Jahre Pulp Fiction. "Ich versteh’ nicht, was die Leute mögen, was Sie an mir mögen. Verstehen Sie's?! Warum mag niemand mehr Musicals? Kann mir das einer sagen?"

Was die Leute an Travolta mögen, kann man vielleicht so erklären: Der Mann betritt ein Filmset, und er freut sich ehrlich, dass dabei viel Geld für ihn herausspringt, und diese Freude zeigt er. Also beginnt er mit der Kamera zu tanzen. Schauspiel sollte man dabei keines von ihm verlangen, aber sich freuen, das kann er.

Der Überflieger

Und tanzen. Auf breitesten Bildern so extravagant posieren, dass es im wirklichen Leben blöd wirken würde, aber auf der Leinwand - wie der herrlichste Wahnsinn. Elvis Presley war auch nicht der Hellste. Auch er liebte seine Privatjets. Also bitte. "Ich bin kein Intellektueller", sagt Travolta und grinst, als wäre er soeben in einen Eimer mit Süßigkeiten gefallen. "Zum Fliegen reicht's gerade noch."

Ein Journalist will wissen, welche Drehbücher er schon abgelehnt hat und bei welchen es ihm Leid tut. "Wissen Sie was? Irgendwie krieg' ich immer wieder ähnliche Angebote wie Tom Hanks. Forrest Gump, Saving Private Ryan oder auch The Green Mile. Ich glaube, ich wäre sogar ein unglaublich guter Forrest Gump gewesen. Es ging sich damals einfach nicht aus."

Also doch ein Oscar für Hanks - aber reizvoll ist der Gedanke schon, dass diese beiden Schauspieler gewissermaßen zwei Seiten des von Hollywood präferierten "Average Guy" sein könnten. Beide sind privat erklärte Familienmenschen. Travolta ist aber eher ungezügelt, wo Hanks bedächtig überlegt. Und Travolta als geniales Model inspiriert sehr visuelle Regisseure (wie John Woo bei Face Off), während sich Hanks ja lieber als extrem ernsthafter Charakter inszeniert.

Nur einmal wirkt Travolta leicht irritiert, während er so vor sich hin schwadroniert. Jemand habe einmal geschrieben, er lasse zu wenig interessante Regisseure an sich heran, erzählt ein Reporter: Es sei im Fall von Pulp Fiction ein glücklicher Zufall gewesen, dass der Superstar damals gerade eine lange Durststrecke hinter sich gehabt habe. Seine extrem niedrige Gage habe ihn auch für Quentin Tarantino erschwinglich werden lassen. Angeblich spielte Travolta damals für knappe 500.000 Dollar. Also geschenkt!

"Ja, vielleicht bin ich da die meiste Zeit in einem goldenen Käfig", sagt er. "Ich müsste wohl mehr junge Regisseure an mich heranlassen, sie fördern. Quentin hat mich damals ja gerettet." Wir haken nach: Haben Sie in letzter Zeit interessante Arbeiten von unabhängigen Filmemachern gesehen, mit denen Sie gerne arbeiten würden? "Äh, nein, nicht unbedingt. Aber wenn Tarantino das Drehbuch zu The Brothers Vega, der Vorgeschichte von Pulp Fiction fertig stellt, dann bin ich sicher wieder dabei." Für mehr Gage? "Vermutlich" - er lacht und denkt vielleicht schon wieder an den nächsten Privatjet.

"Gestern hat man mich gefragt, ob mein Sohn mitkriegt, dass ich ein Superstar bin. Keine Sorge: Wenn er daran Zweifel hat, werde ich ihm schon noch zeigen, was sein Daddy darstellt."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 11. 2001)

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