Mittelalterliche Siedlung in der Grazer Innenstadt: Weitere Gebäude freigelegt

8. November 2001, 14:32
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Notgrabung auch als Beschäftigungsinitiative für Arbeitslose

Graz - Wo sich heute der Grazer Hauptplatz befindet, scheint im Mittelalter noch eine ganze Reihe an Gebäuden gestanden zu haben. "Unsere Funde gehen bis ins 11. Jahrhundert zurück", erklärte am Donnerstag Ulla Steinklauber, die Leiterin der im Zuge der Neugestaltung notwendig gewordenen Notgrabung am Grazer Hauptplatz. Damit scheint die bisherige These, dass der zentrale Stadtplatz schon um 1156 als Platz angelegt worden war, nicht mehr länger aufrecht haltbar zu sein. Laut Heinz Rossmann, dem stellvertretenden Baudirektor der Stadt, verzögern die Grabungen die Fertigstellung des Hauptplatzes allerdings nicht.

Auf eine Fülle von unterschiedlichen Kulturschichten sind die Archäologen seit Mitte August bei ihren Grabungsarbeiten gestoßen: "Die bisherigen Ergebnisse zeigen deutlich, dass sich in Verlängerung der Herrengasse nördlich des Rathauses auch im 12., 13., und 14. Jahrhundert Häuserzeilen befanden", so die Grabungsleiterin im Pressegespräch am Donnerstag. Die Gebäude, die nicht unterkellert waren, seien erst später, wahrscheinlich im 15. Jahrhundert geschleift worden, vermutet die Archäologin.

Datierung

Bei der Datierung der zu Tage getretenen Mauerreste orientieren sich die Archäologen in erster Linie am Fundmaterial rund um den Mauern. "Die Steinmauern waren in eine massive Schichte von Funden aus dem 13. und 14. Jahrhunderts eingebettet", so Steinklauber. Erst in den letzten Tagen sei man überdies auf Reste von Holzbauten gestoßen , die noch älter zu sein scheinen, sowie auf eine Stelle, die wahrscheinlich schon im 12. Jahrhundert als Abfallgrube benützt wurde: So wurden zum Beispiel Knochenreste von Rindern, Schafen und Schweinen aber auch Scherben von hochwertigem, importiertem Glas und Teile von Gürtelschnallen gefunden.

Zu welchem Zweck die Gebäude am Hauptplatz, deren Fundamente nun gefunden wurden, gedient haben könnten, ist nicht sicher. Es waren wahrscheinlich auch damals schon kommunale Gebäude, so Steinklauber. "Vielleicht die Münze, eine Wache oder ein Vorgängerbau zum Rathaus", so die Archäologin. Näheres wolle man aber noch mit Historikern abklären.

Den ganzen November über wird noch weiter ausgraben, fotografiert und gezeichnet. "In den nächsten Tagen bekommen wir ein Zelt um auch von der Witterung besser geschützt zu sein", so Steinklauber. Von November bis voraussichtlich März gibt es eine Grabungspause. Im März will man dann noch einen Monat lang den Bereich im Nordwesten des Rathauses näher unter die Lupe nehmen. Die Grabungskosten belaufen sich auf rund 1,3 Millionen Schilling (rund 94.400 Euro).

Kosten teilen sich Stadt Graz und Arbeitsmarktservice

Die Kosten der Grabung am Grazer Hauptplatz in der Höhe von 1,3 Millionen Schilling teilen sich zum größten Teil die Stadt Graz und das Arbeitsmarktservice (AMS) Steiermark. Damit ist die Grazer Grabung ein Teil des steiermarkweiten Beschäftigungsprojektes "Archäologieland Steiermark", das sowohl arbeitsmarktpolitische als auch kulturpolitische Ziele verfolgt. Insgesamt werden über das Projekt zur Zeit rund 40 Langzeitarbeitslose - unter ihnen auch eine Anzahl an Archäologen - beschäftigt.

Initiiert wurde das Projekt zu Beginn des Jahres vom Grazer Archäologen und Professor am Institut für Klassische Archäologie an der Grazer Karl-Franzens-Universität, Erwin Pochmarski. "Es ist eine Chance für unsere Absolventen und andere Arbeitslose aber auch für Projekte, die sonst nicht verwirklicht werden könnten", so Pochmarski. Zehn Personen, davon sechs Langzeitarbeitslose, und vier Akademiker, finden zum Beispiel zur Zeit durch die aktuelle Grabung am Hauptplatz Arbeit.

Die Beschäftigungsinitiative des AMS, dem dafür in diesem Jahr rund acht Millionen Schilling zur Verfügung stehen, wurde aber auch in der steirischen Region aktiv. So wurde im August bereits die Ausgrabung einer römischen Villa in Groß St. Florian (Bezirk Deutschlandsberg) wiederaufgenommen. "Hier wird es nun endlich möglich werden, den Gesamtgrundriss der Anlage zu rekonstruieren", so Pochmarski. Eine Ausstellung der Funde im Grabungsbereich ist bereits in Vorbereitung. In Großklein im Bezirk Leibnitz läuft ein weiteres Projekt: Hier wird eine hallstattzeitliche Nekropole ausgegraben, die im Mittelpunkt eines im Entstehen begriffenen archäologischen Parks stehen soll. (APA)

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