Literarische Untergatti

12. November 2001, 20:44
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Mit der "Literatur, die berührt", bekommen einmal nicht die anderen, sondern die eigene Haut was zu lesen

Ob das sich auf stolzen Männerwampen breitmachende "Bier formte diesen schönen Körper" oder der (spät-)pubertäre "Zickenalarm": Für jedwede "Weltanschauung" gibt es mittlerweile ein passendes, meist recht geschmackloses Bekenner-T-Shirt. Aber auch literarisch Hochwertiges wurde schon zuhauf auf Leiberln verewigt. Da klingt die Idee von auf Unterwäsche gedruckten Gedichten nicht sonderlich originell oder neu. Trotzdem ist die "Literatur, die berührt", ein interessantes Stückchen anders.

Das Konzept unterscheidet sich schon im Ansatz von gängigen Kommerzprodukten. Das Motto von der "berührenden" Literatur wurde hier wortwörtlich genommen. Das bedeutet zum einen, dass die Gedichte nicht auf T-Shirts geprintet werden, mit denen man sich als Literaturauskenner outen könnte, sondern diskret und Schwarz auf Weiß mit hautfreundlicher Textilfarbe auf Unterwäsche. Genauer gesagt auf simple Unisex-Unterleiberl und -Unterhosen aus Baumwollripp, für Ober- und Unterteil gibt es jeweils ein eigenes Poem. Zum anderen sind die Texte verkehrt herum aufgebracht, d.h. sie treten direkt mit der Haut - und nicht mit dem Auge - in Kontakt: Literatur eben, die berührt. Lesen kann man die Zeilen also nur, wenn man sich im Spiegel betrachtet oder die Wäsche auszieht. Lesen könnte sie aber auch ein Gegenüber, das einem ganz nahe kommt und tief in den Ausschnitt lugt.

Kein öffentliches Zurschaustellen von Belesenheit liegt der "Literatur, die berührt", zugrunde, sondern eine sprichwörtliche Kontaktaufnahme mit Texten. Das Konzept dafür stammt von "Purpur". Das sind Christina Andraschko, Larissa Cerny und Irina Thaler, die heuer ihr Studium für Grafikdesign an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien abgeschlossen haben. Die drei jungen Frauen haben schon für ihre Diplomarbeit kooperiert, für die sie das Erscheinungsbild ihrer "Agentur für Kommunikation" gestalteten. Kommunikationsdesign für Kunst und Kultur will "Purpur" machen; eines der ersten Projekte war die Grafik für die Herbstausgabe der Springerin und ein in der Edition artco herausgebrachtes Buch zum Thema "Pur".

Für das Unterwäsche-Projekt hat "Purpur" Beiträge von Elisabeth Wäger, Franzobel, Antonio Fian und Semier Insayif zusammengetragen. Die AutorInnen haben die Texte gezielt auf das Thema hingeschrieben oder entsprechend ausgewählt. "Es sind Texte, bei denen man in irgendeiner Weise einen Bezug zu Unterwäsche herstellen kann, einen Gedankensprung zur Untergatti", erklärt Franzobel seine Auswahl. Die Idee von auf der Unterwäsche zu tragender Literatur findet Franzobel im Übrigen nicht so ungewöhnlich. "Ich bin ja in einer Generation aufgewachsen, in der es gang und gäbe war, komische Sprüche auf T-Shirts herumzutragen." Persönlich fände er aber T-Shirts mit Bildern darauf interessanter, wie etwa solche mit einer Madonna oder mit Jesus. "T-Shirts mit Zicken-Sprüchen können vielleicht in einem gewissen Alter das Rauchen ersetzen, ansonsten erschöpft sich so was ziemlich schnell."

derStandard/rondo/2/11/01

von Margit Wiener


Preise: Unterhose öS 454 / EURO 33, Unterhemd öS 550 / EURO 40; ab Anfang Dezember erhältlich im MAK Designshop (1010 Wien, Stubenring 5), Mumok Museumsshop (1070 Wien, Messepl. 1), Buchhandlung Lia Wolf (1010 Wien, Bäckerstr. 2); zu bestellen unter purpur.co.at
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