Bordeaux-Schreck

13. November 2001, 22:55
posten

Eduardo Chadwick, Besitzer eines der führenden Weingüter in Chile, war zu Besuch in Wien. Florian Holzer sprach mit ihm über den chilenischen Wein-Boom, Identitäten und neue Top-Weine

Wenn von chilenischem Spitzenwein die Rede ist, dann fällt meist rasch der Name Eduardo Chadwick und der seines Weingutes "Errazuriz". Denn nicht erst seit der Zusammenarbeit mit Robert Mondavi aus Kalifornien war man hier bemüht, technologisch und qualitativ die Zeichen der Zeit zu erkennen, mit dem "Sena" brachte man vor fünf Jahren den ersten Premium-Wein des schmalen Landes auf den Markt. Errazuriz verfügt zur Zeit über 540 Hektar.

DER STANDARD: Herr Chadwick, wie hat die Weinwelt auf die neuen chilenischen Top-Weine reagiert. Wie verhielt man sich, als plötzlich nicht mehr nur fruchtige Preis-Leistungsweine angeboten wurden?

Eduardo Chadwick: Zuerst waren die Leute verwundert, als sie feststellten, dass Chile in der Lage ist, solche Weine zu erzeugen. Sie gewöhnten sich aber rasch an den Gedanken, dass wir ein größeres Spektrum bringen können als nur saubere, fruchtige Konsumweine. Und es macht mir einen Riesenspaß, das den Leuten auf der ganzen Welt zu präsentieren. Wir haben unsere Hausarbeiten gemacht, haben die richtigen Rebsorten in die richtigen Weingärten gepflanzt, auf moderne Technik gesetzt und so weiter. Aber glauben tun's die Leute freilich immer erst, wenn sie die Ergebnisse kosten.

Jetzt ist Chile auf dem Markt der Spitzenweine ein recht neuer Player. Wie groß schätzen Sie die Gefahr, auch andere ehrgeizige Newcomer auf den Plan zu rufen, die Chile dann diese Position streitig machen könnten?

Natürlich muss man zuerst einmal die natürlichen Gegebenheiten haben, um wirklich guten Wein erzeugen zu können, und da gibt es nicht sehr viele Länder. Die heutige Weingeschichte beginnt vor dreißig Jahren, da gab es nur Frankreich und Italien. Die Situation hat sich geändert, Globalisierung ist eine generelle Tendenz, und deshalb greifen die Konsumenten gerne auch zu Produkten aus anderen Regionen der Welt. Für Top-Wein sind das ungefähr vier bis fünf. Bordeaux hat die Tradition, wir haben die Jugend und den Willen zum Experiment. Und da haben wir Bordeaux schon ein bisschen wachgerüttelt, heute muss man uns respektieren, die Welt glaubt an uns.

Die Welt, okay. Und wie sieht das Verhältnis der Chilenen zu ihrem eigenen Wein aus?

Es gibt in Chile momentan einen unglaublichen Wein-Boom. Da sind plötzlich Sommelier-Schulen, Verkost-Seminare, Importeure, Weinläden, drei neue Wein-Magazine, das war vorher alles nicht. Dazu kommt, dass die Chilenen ungeheuer stolz auf ihren Wein sind, weil es so ziemlich das einzig relevante Qualitätsprodukt ist, das exportiert wird. Die chilenische Exportwirtschaft lebt sonst nur von Kupfer, Lachs und Fischmehl. Der Wein-Boom ist so groß, dass sich die Weingartenfläche in den letzten fünf Jahren verdoppelt hat, es gibt viele neue Produzenten und jeder pflanzt, was er kann. Das wird demnächst zu einer starken Überproduktion führen - good news für die Konsumenten, eine Herausforderung für uns.

Und in welche Richtung wird sich der chilenische Wein identitätsmäßig entwickeln?

Die Sorte Carmenere ist da eine gewisse Chance, sie ist ein guter Verschnitt-Partner, kann unseren Weinen Identität verleihen und besitzt eine gewisse Attraktivität. Wir bringen heuer übrigens zum ersten Mal einen reinsortigen Carmenere auf den Markt. Und dann ist da der Syrah. Wir haben erst sehr spät damit begonnen, weil sich Chile traditionell sehr auf die Bordeaux-Sorten konzentrierte, den Syrah hat keiner verstanden. Wir pflanzten ihn auf steile, steinige Hänge, auf sanfte Hügel und in die Ebene, so haben wir alle Möglichkeiten.

derStandard/rondo/9/11/01

Share if you care.